Wien: Ökumenisches Gebet für die toten Flüchtlinge

Weit über 3000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn an den EU-Außengrenzen umgekommen. Foto: Martina Schomaker
Weit über 3000 Flüchtlinge sind seit Jahresbeginn an den EU-Außengrenzen umgekommen. Foto: Martina Schomaker

Pöll: Brauchen Neugestaltung des europaweiten Asylsystems

Wien (epdÖ) – Im Gedenken an die an den EU-Außengrenzen verstorbenen Flüchtlinge stand ein ökumenisches Gebet, das am Donnerstagabend, 11. Dezember, vor dem Polizeianhaltezentrum in Wien-Hernals stattgefunden hat. Seit Beginn des Jahres seien bereits 3400 Menschen auf der Flucht nach Europa umgekommen. Es brauche eine Neugestaltung des EU-Asylsystems, appellierte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Superintendent Lothar Pöll, am Rande der Veranstaltung. Wenn dies nicht gelänge, müssten in Zukunft noch viel mehr Menschen auf dem Weg in die „vermeintliche Freiheit“ ihr Leben lassen, so Pöll.

Auf Initiative des Diakonie Flüchtlingsdienstes hatte der ÖRKÖ zu einem „Gebet zum Gedenken an die toten Flüchtlinge an den Außengrenzen der EU“ eingeladen. Geleitet wurde die Gedenkstunde von der evangelischen Vikarin Maria-Katharina Moser und der evangelischen Theologin Barbara Rauchwarter. Unter den zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren auch der lutherische Bischof Michael Bünker, der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld, Oberkirchenrätin Hannelore Reiner, der Wiener Superintendent Hansjörg Lein sowie der Direktor der Diakonie, Michael Chalupka. Die Evangelische Jugend Wien hatte zudem ein Transparent mit der Aufschrift „3400 tote Flüchtlinge im Mittelmeer – unser EU-Boot ist halb leer“ aufgestellt.

Als Christ dürfe man sich „nicht einfach damit abfinden“, dass jedes Jahr tausende Menschen an den EU-Grenzen ihr Leben lassen, betonte ÖRKÖ-Vorsitzender Pöll. Mit dem Auslaufen des „Mare-Nostrum-Programms“ sei zu befürchten, dass das Mittelmeer auch in den nächsten Jahren zum Friedhof für viele Menschen werde. Besonders ein reiches Land wie Österreich könne es sich leisten, viel mehr Flüchtlinge aufzunehmen, als dies zurzeit der Fall sei. Eine wirkliche Lösung des Problems sei aber nur durch eine Neugestaltung des EU-weiten Asylsystems zu erreichen, ist der ÖRKÖ-Vorsitzende überzeugt.

Der ÖRKÖ hatte erst im Oktober eine Resolution zur „Flüchtlingspolitik in Österreich und in der EU“ verabschiedet. In dieser heißt es unter anderem, dass „Europa nicht zu einer Wohlstandsfestung werden darf, sondern ein Leuchtturm der Freiheit und des Respekts vor der menschlichen Würde bleiben muss“. Weiters fordert der ÖRKÖ in dem Schreiben den Aufbau eines gemeinsamen Systems der Seenotrettung, die Beendigung der europäischen „Asyl-Lotterie“, eine menschliche Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen in Österreich sowie flächendeckende Integrationsmaßnahmen und den Ausbau des Rechtsschutzes für Flüchtlinge.

Im Rahmen der Gedenkstunde verlas der Journalist und Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation „Borderline Europe“, Elias Bierdel, einen Text, der die gleichgültige Haltung der Industrienationen im Umgang mit Flüchtlingen anprangerte. In diesem heißt es unter anderem: „Die Menschen tanzen auf den nicht vorhandenen Gräbern von tausenden nichtbetrauerten Toten. Aber es wird die Zeit kommen, in der wir dieser Mauertoten gedenken, ihre Mörder zu Verantwortung ziehen und uns gemeinsam zu unserer Schuld bekennen.“

Des Weiteren gab es bedrückende Schilderungen von Flüchtlingen, denen es gelungen ist, die Barriere des Mittelmeers zu überwinden. In diesen Zeugnissen war von jungen Frauen und Männern die Rede, die monatelang durch die Wüste irrten, um dann tage- oder wochenlang auf überfüllten und weitgehend seeuntüchtigen Booten auf dem Meer zu treiben, bis sie auf einer der italienischen Inseln aufgenommen wurden.

Von den Veranstaltern wurde ausdrücklich erklärt, dass es sich bei der Aktion nicht um eine Kampagne handle, sondern um ein „Gebet des Gedenkens“. Dies solle die Möglichkeit eröffnen, kurz vor Weihnachten noch einmal innezuhalten und seine Gedanken auf diejenigen zu richten, die aufgrund eines ungerechten Systems ihr Leben lassen mussten.

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ISSN 2222-2464