Religion bleibt trotz Säkularisierung Faktor für Zusammenhalt

Die Heiligen Schriften der drei abrahamitischen Religionen müssen in heutigen theologischen Entwürfen ebenso berücksichtigt werden wie die Verfassungen der Länder, in denen Christen, Juden und Muslime leben, betont die katholische Theologin Irmtraud Fischer. Foto: epd/Uschmann
Die Heiligen Schriften der drei abrahamitischen Religionen müssen in heutigen theologischen Entwürfen ebenso berücksichtigt werden wie die Verfassungen der Länder, in denen Christen, Juden und Muslime leben, betont die katholische Theologin Irmtraud Fischer. Foto: epd/Uschmann

Einigkeit bei interreligiöserTagung in Seggau über Verbindlichkeit der Menschenrechte für „Religionen mit europäischem Gesicht“

Graz (epdÖ) – Religion wird in den kommenden Jahren auch im zunehmend säkularen Europa einen wesentlichen Faktor im gesellschaftlichen Zusammenhalt bilden. Das haben die Veranstalter als ein Ergebnis der interreligiösen Tagung „Frieden und Konflikt. Religiöse Diskurse in westlichen Demokratien“ festgehalten, die am 3. August im kirchlichen Bildungszentrum Schloss Seggau zu Ende ging. In der bilanzierenden Presseaussendung über den Gedankenaustausch der teilnehmenden Fachleute aus Christentum, Judentum und Islam betonte die Grazer Bibelwissenschaftlerin Irmtraud Fischer zugleich, die Religionen könnten sich in demokratischen Systemen „nicht mehr auf postulierte, von alters her überkommene Autorität zurückziehen“ und seien Teil von Gesellschaften, die den Menschenrechten verpflichtet seien.

Die Freiheit der Religion und die Freiheit von Religion gehöre zu diesen Menschenrechten – wie auch das Recht auf Leben und die Freiheit von Diskriminierung aufgrund von Alter, Lebensform, Status, Geschlecht und geschlechtlicher Orientierung, hieß es weiter. „Religionen, die aufgrund ihres Menschenbildes, ihrer anthropologischen Konzepte mit basalen Menschenrechten Probleme haben, sind in westlichen Demokratien problematisch, da sie gesellschaftliches Konfliktpotenzial bergen.“ Nötig seien theologische Entwürfe, die einerseits in den Heiligen Schriften der drei abrahamitischen Buchreligionen und deren Auslegungstraditionen verwurzelt sind, die sich andererseits aber auch in den Verfassungsbogen der europäischen Staaten einreihen, in denen gläubige Christen, Juden und Muslime leben.

Wenn sich die GlaubensvertreterInnen in einzelnen Fragen dazu nicht in der Lage sähen, müssten sie dies in der Gesellschaft ernsthaft diskutieren – „und nicht unter dem Radar zu fliegen versuchen“, wie es wörtlich in der Aussendung hieß. Denn häufig sei es so, „dass das, was auf der einen Seite als Recht auf ‚Nicht-Einmischung‘ in religionsinterne Belange daherkommt, auf der anderen Seite als moralische Forderung an die Gesamtgesellschaft wieder herauskommt“.

„Religionen mit europäischem Gesicht“ seien Teil des unter Einbeziehung mündiger Bürger geführten Diskurses. Wie die Zivilgesellschaften könnten die Religionen als so verstandene gesellschaftliche Akteure wertvolle Impulse „auf dem Weg zu einer Welt ohne Diskriminierungen und damit zu einem guten Leben für alle“ geben, gaben die TagungsteilnehmerInnen einen optimistischen Ausblick.

Antisemitismus ein bleibendes Thema

Die viertägige Veranstaltung „Frieden und Konflikt“ wurde von einem internationalen, interkonfessionellen und interreligiösen Team konzipiert und setzte die 2007 eingestellte „Österreichische christlich-jüdische Bibelwoche“ fort, so Irmtraud Fischer als Mitveranstalterin hin. Die „Bibelwoche“ sei als Initiative zur Aufarbeitung der christlichen Schuldgeschichte gegenüber jüdischen Menschen und Einrichtungen in postnationalsozialistischen Ländern und zur Information über das Judentum konzipierte worden. Dieses Anliegen sei auch heute noch aktuell: In Anbetracht des derzeit in Mitteleuropa wieder steigenden Antisemitismus stünden auch Religionsverantwortliche in der Pflicht, „expliziten, aber auch latenten Antisemitismus als solchen zu erkennen, zu benennen und vermeiden zu helfen“.

Die Situation habe sich durch den starken Zuzug von Menschen aus muslimischen Ländern zuletzt verschärft, dies dürfe aber nicht dazu führen, mit dem Finger auf „den Islam“ zu zeigen, betonte Fischer: Menschen, die im Vorderen Orient außerhalb Israels aufgewachsen sind, hätten Antizionismus, Judenfeindschaft und Antijudaismus als Staatsideologie erlebt und häufig auch verinnerlicht. Vielen Flüchtlingen und MigrantInnen in Europa müsse daher bewusstgemacht werden, „dass diese Ideologie in postnationalsozialistischen Ländern ein ‚No-go‘ darstellt“.

Teilnehmende dieser „Pilottagung des christlichen Gesprächs mit dem Judentum unter Einbeziehung des Islam“ waren rund 70 Interessierte. Inhaltliche Beiträge leisteten u.a. Pfarrer Matthias Weigold (Evangelische Heilandskirche Graz), Pfarrerin im Ehrenamt Sabine Maurer (Vorsitzende des Grazer Komitees für christliche-jüdische Zusammenarbeit), der Grazer Bischofsvikar Hermann Glettler, der Wiener muslimische Theologe Ednan Aslan, Raimund Fastenbauer von der Israelitischen Kultusgemeinde, der Grazer Soziologe Manfred Prisching und Charlotte Elisheva Fonrobert von der Stanford-University (USA). Die nächste Tagung soll die Rolle des Geschlechts in den drei Religionen auf dem Hintergrund von Gesellschaften westlichen Zuschnitts thematisieren, kündigte Irmtraud Fischer an.

ISSN 2222-2464