Universität Wien: Internationales Luther-Symposium

Der Reformator Martin Luther, sein Wirken und sein Schaffen standen im Mittelpunkt einer internationalen Tagung an der Universität Wien. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
Der Reformator Martin Luther, sein Wirken und sein Schaffen standen im Mittelpunkt einer internationalen Tagung an der Universität Wien. (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Tagung beschäftigte sich mit Luther aus unterschiedlichen Perspektiven


Wien (epdÖ) – „Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen“, so lautete der Titel eines wissenschaftlichen Symposiums, das von 5. bis 7. Oktober an der Universität Wien veranstaltet wurde. Evangelische und römisch-katholische Theologinnen und Theologen aus dem In- und Ausland beleuchteten Rolle und Wirken des Reformators Martin Luther in Geschichte und Gegenwart aus theologischer Perspektive. Dabei wurden historische und dogmatische Schwerpunkte gesetzt und auch Luthers Verhältnis zu Judentum und Islam beleuchtet.

Höhepunkt am ersten Tag des Symposiums war der Festvortrag „Luther als Sprachereignis“ von Sybille Lewitscharoff. Die mehrfach preisgekrönte Berliner Autorin ist voll des Lobes für die Bibel. Die Bibel sei ein „hinreißender Meistertext“, sagte die Büchner- und Bachmann-Preisträgerin am Rande der internationalen Luther-Tagung. Gerade die Luther-Übersetzung und auch die zum Reformationsgedenken von der Bibelgesellschaft neu übersetzte Luther-Bibel seien „Sprachereignisse“. Leider sei die Bedeutung der biblischen Schriften für die Entwicklung der modernen Literatur und der Kultur insgesamt heute vielfach in Vergessenheit geraten, so Lewitscharoff. Von sich selbst sagt sie, dass sie eine „fromme Erziehung“ erfahren habe, „die man nicht einfach abstreifen und vergessen kann“, die vielmehr bis heute ihr Interesse an religiösen Themen wachhält.

Getrübt werde die Leidenschaft gerade für die Lutherische Bibelübersetzung jedoch durch Luthers Antisemitismus, der in der NS-Zeit eine „fatale Wirkungsgeschichte“ gezeigt habe. Dieser Punkt lasse sie an Luther „verzweifeln“, räumte Lewitscharoff ein –„denn es wäre in Luthers Hand gewesen, ganz das Gegenteil zu bewirken“ und ein neues Miteinander von Christen und Juden zu fördern, „da er als einer der wenigen Menschen seiner Zeit das Alte Testament wirklich ernst genommen hat“.

Für die Festvorträge am Donnerstagabend, 6. Oktober, konnten zwei hochrangige Theologen aus Deutschland gewonnen werden: Friedrich Wilhelm Graf, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München, und Eberhard Schockenhoff, katholischer Moraltheologe an der Universität Freiburg im Breisgau.

In seinem Vortrag „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ sprach Friedrich Wilhelm Graf unter anderem über das bevorstehende Reformationsjubiläum im Jahr 2017. Grundsätzlich gelte es, zwischen Geschichtsforschung, Geschichtsdeutung und Geschichtspolitik zu unterscheiden, so der systematische Theologe. Während Geschichtsforschung in erster Linie von Historikern an Universitäten betrieben werde und sich auf die Erforschung kleiner und spezieller Details konzentriere, ziele die Geschichtsdeutung mehr auf die Synthese, auf die größeren geschichtlichen Zusammenhänge ab. Hier wachse Historikern Konkurrenz etwa durch Autoren, Schriftsteller oder auch Journalisten heran. Bei Geschichtspolitik wiederum gehe es um das rituelle In-Szene-Setzen von Geschichte. Dabei handle es sich um kein speziell modernes Phänomen, vielmehr gebe es dafür in der Geschichte viele Beispiele. So hätten etwa Machthaber durch die Zeiten hindurch immer wieder Geschichtspolitik betrieben, um beispielsweise ihre Macht zu demonstrieren oder die Loyalität ihres Volkes zum Herrscher zu stärken. Geschichtspolitik werde aber nicht nur von der Politik, sondern auch von zivilgesellschaftlichen Kräften betrieben, darunter auch die Kirchen. Sie dient dann in erster Linie der Identitätsfindung. Graf erinnerte daran, dass die Deutung der Reformation in der Vergangenheit immer stark geprägt war von den politischen und kirchenpolitischen Hoffnungen der jeweiligen Zeit. Es habe sich bei diesen öffentlichen Feiern stets auch um Projektionsflächen der eigenen Vorstellungen gehandelt, erklärte Graf. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass es nächstes Jahr (im Jahr des Reformationsjubiläums, Anm.) anders sein soll.“ Dass sich Martin Luther mit seinen reformatorischen Ideen derart durchsetzen konnte, liege – mit Max Weber gesprochen – auch daran, dass damit ein Interesse verbunden wurde. Das Thema Freiheit habe die Menschen zur damaligen Zeit interessiert, schlussfolgerte Graf.

Mit „vermittelter Unmittelbarkeit“ beschäftigte sich Eberhard Schockenhoff in seinem Vortrag. Während Martin Luther und der Protestantismus von einer Unmittelbarkeit des Individuums in seiner Beziehung zu Gott ausgingen, gebe es innerhalb der römisch-katholischen Theologie die Vorstellung einer vermittelten Unmittelbarkeit. Damit werde die Idee der Unmittelbarkeit Martin Luthers aufgegriffen und katholisch weitergedacht, so Schockenhoff. Auch die römisch-katholische Theologie räume den Menschen einen unmittelbaren Zugang zu Gott durch Jesus Christus ein, dieser Zugang werde dem Menschen aber erst durch die Vermittlung der Kirche ermöglicht. Insofern stimme die Bestimmung Friedrich Daniel Schleiermachers, dass der Protestant sein Verhältnis zur Kirche abhängig machen würde von seinem Verhältnis zu Christus, der römisch-katholische Christ sein Verhältnis zu Christus jedoch von seinem Verhältnis zu seiner Kirche. Dahinter stehe auch die katholische Vorstellung eines lebendigen Überlieferungsgeschehens im Gegensatz zum protestantischen Sola Scriptura („allein die Schrift“). Zwar sei das eigentliche Heilsmittel, das den Menschen rechtfertigt, der Glaube an das Wort Gottes. Dieser bedürfe aber der Vermittlung durch die Kirche. Somit sei die Kirche das Mittel zum Mittel, folgerte Schockenhoff, der damit den Dienstcharakter der Kirche für das Wort Gottes hervorhebt. So komme der Glaube vom Hören, das Hören sei aber von Deutungen abhängig, die von der Kirche gewährleistet würden. Insofern sieht Schockenhoff hier auch eine Leerstelle bei Luther. Sein Schriftverständnis sei aus katholischer Sicht hermeneutisch unterbestimmt, die reine Unmittelbarkeit führe zu einer Problemlage, weil das Verhältnis von Schrift und Kirche nicht ausreichend bestimmt sei. Trotzdem könne die Auseinandersetzung mit Martin Luthers Theologie auch für die römisch-katholische Theologie fruchtbar sein, zeigte sich Schockenhoff überzeugt.

Am Freitagabend, 7. Oktober sprach Bischof Michael Bünker bei seinem Festvortrag über „Die Reformation und die Einheit der Kirche. Martin Luther und die Konzilien“. Das Symposium „Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen“ wurde von der Evangelisch-Theologischen und Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien in Kooperation mit der Evangelischen Kirche in Österreich und der Erzdiözese Wien veranstaltet.

ISSN 2222-2464