Theologe Körtner: Nicht Differenzen töten, sondern die Indifferenz

"Ich kann eine Position ablehnen, aber nicht eine Person", sagte Ulrich H.J. Körtner im Gespräch an der Evangelischen Akademie Wien. Foto: pixabay
"Ich kann eine Position ablehnen, aber nicht eine Person", sagte Ulrich H.J. Körtner im Gespräch an der Evangelischen Akademie Wien. Foto: pixabay

Debatte über religiöse Toleranz an Evangelischer Akademie

Wien (epdÖ) „Toleranz ist immer Toleranz von Überzeugungen, die der Tolerierende für falsch hält.“ Mit einem Zitat des Philosophen Robert Spaemann bringt der evangelische Theologe Ulrich H.J. Körtner das Problem der Toleranz in einer pluralen Gesellschaft auf den Punkt. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Donnerstag, 14. Juni, an der Evangelischen Akademie Wien diskutierte Körtner den Begriff der Toleranz im Umfeld der Religionen mit der katholischen Theologin Ingeborg Gabriel, dem Politologen Farid Hafez und dem Zeithistoriker Frank Stern.

Gemeinsame Geschichte als Ziel

Toleranz, so Körtner, dürfe nicht zu einer Einebnung von Positionen führen: „Es sind nicht die Differenzen, die töten, sondern die Indifferenzen sind das Tödliche.“ In der Debatte um das Tolerieren von Meinungen dürfe nicht die Frage der Wahrheit suspendiert werden, meinte Körtner. In einem säkularen, modernen Staat müsse erwartet werden, dass seine Bürgerinnen und Bürger starke Überzeugungen vertreten, die nicht nur nebenher bestehen, sondern sich auch ausschließen könnten. Notwendig sei an dieser Stelle die Differenzierung von Meinung und der Person, die eine Meinung hat: „Ich kann eine Position ablehnen, aber nicht die Person. Wenn ich aber sage, am Ende ist immer Anerkennung gefordert, dann wird diese Unterscheidung oft eingeebnet.“ Zur Frage der Angst, die Intoleranz oft zugrundeliege, meinte Körtner jedoch: „Es ist richtig dagegen vorzugehen, wenn mit Ängsten Politik gemacht wird. Aber generell zu sagen, wo Menschen Ängste zeigen, sei das zu therapieren, ist falsch. Ich fürchte mich nicht vor denen, die sagen, sie haben Ängste, sondern vor denen, die meinen, Ängste müssen weggekehrt werden.“ Was man sich jedoch fragen müsste, sei „ob wir einmal zu einer gemeinsamen Geschichte kommen können. Das muss das Ziel sein.“

Gabriel: „Was uns tangiert führt zur Notwendigkeit, damit umzugehen“

„Es gibt in Religionen, auch im Christentum viele Dinge, die ich toleriere und ertrage, obwohl sie mir nicht zu Gesicht stehen“, meinte die katholische Theologin und Sozialethikerin Ingeborg Gabriel von der Universität Wien. Der Begriff der Toleranz werde gegenwärtig oft abgelehnt, könne aber als moralischer Begriff „nicht einfach entsorgt werden.“ Denn: „Toleranz bedeutet, dass ich Mitmenschen auch annehme, wenn ich ihr Verhalten nicht als Bereicherung erfahre.“ Sie wehre sich aber gegen den Zwang, andere immer nur positiv und als Bereicherung sehen zu müssen. Von Toleranz im Sinne des „Ertragens“ sei daher eigentlich nur dort zu reden, wo man eine Position vertrete. „Ich bin zum Beispiel auch hochtolerant gegenüber allem was Fußball betrifft – aber das ist so, weil mir Fußball egal ist. Was uns tangiert führt zu starken Emotionen und zur Notwendigkeit, damit umzugehen.“

Stern: Muss nicht um Toleranz gehen, sondern um Akzeptanz

Nicht der Begriff der Toleranz solle in den Mittelpunkt gerückt werden, sondern der der Akzeptanz, forderte der Wiener Zeithistoriker Frank Stern. „Die Debatte um die Toleranz stammt aus einem Diskurs des 18. Jahrhunderts. Wir aber sind im 21. Jahrhundert. Hier sehe ich, dass man in der Diskussion einen Schritt weiter gehen muss.“ Zu beobachten sei gegenwärtig, dass „wir in einer Zeit leben, in der in einigen Ländern das, was wir als feste demokratische Ordnung zu sehen glaubten, langsam erodiert. Wir beobachten das jeden Tag, heute zum Beispiel mit der Forderung des ÖVP-Generalsekretärs Karl Nehammer, Kindern das Fasten im Ramadan zu verbieten.“ Man wisse aus der Geschichte, wie Prozesse langsam mehrheitsfähig werden können. „Wir müssen uns fragen, sind wir eine offene Gesellschaft oder gibt es einen langsamen autoritären Umbau?“

Farid Hafez, Politologe in Salzburg und Georgetown (USA), lenkte den Blick auf aktuelle Formen der Islamophobie, die er im Kern als rassistisch beurteilte. „Sartre sagte einmal: Würde der Jude nicht existieren, der Antisemit hätte ihn erfunden.“ Das gelte auch für islamophobe Politik. „Es hat für mich nicht den Anschein, dass es hier um Religion geht, sondern um Rassisten, die auf ‚die Anderen‘ ihre Vorstellungen projizieren.“ Heute werde davon ausgegangen, dass Rasse ein Produkt des Rassismus sei und nichts Vorgegebenes. In der politischen Debatte gehe es auch um die Frage, „welche Kräfte bedienen sich des Diskurses, um ihre Machtposition nicht zu verlieren?“ So sei zwar Islamfeindlichkeit bei der FPÖ sehr leicht auszumachen; aber auch bei der ÖVP und der SPÖ, die 2015 das umstrittene Islamgesetz beschlossen hatten, fänden sich deutliche Tendenzen.

Moderiert hat die Diskussion in der Kapelle des Wiener Albert Schweitzer Hauses Otto Friedrich, Journalist bei der Wochenzeitung „Die Furche“.

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ISSN 2222-2464