Sich der Herausforderung Demenz stellen

„Die Persönlichkeit eines Menschen wird durch Demenz nicht ausgelöscht", betont die Diakonie. Im Bild die Tagesbetreuung in Gallneukirchen. Foto: Herzenberger
„Die Persönlichkeit eines Menschen wird durch Demenz nicht ausgelöscht“, betont die Diakonie. Im Bild die Tagesbetreuung in Gallneukirchen. Foto: Herzenberger

„Gutes Leben mit Demenz“ – Diakonie präsentiert neues Argumentarium

Wien (epdÖ) – Demenz wird immer mehr zu einer gesundheits- wie gesellschaftspolitischen Herausforderung. Mit der zunehmenden Lebenserwartung steigt auch die Zahl jener Menschen, die mit Demenz leben. Dieser vielfältigen Herausforderung müsse man sich stellen, meint die Diakonie und hat ein Argumentarium zum Leben mit Demenz herausgebracht, das bei einer Pressekonferenz am 24. März in Wien präsentiert wurde. Herausgegeben wird das Dokument mit dem Titel „Gutes Leben mit Demenz“, das sich dem Thema Demenz aus vielen unterschiedlichen Perspektiven annähert, vom Institut für öffentliche Theologie und Ethik (IöThE) der Diakonie.

„Mit dem Argumentarium wollen wir tiefer graben, grundsätzlicher fragen“, erklärte Diakonie-Direktor Michael Chalupka bei der Pressekonferenz. Es gehe um Bewusstseinsbildung auf vielen unterschiedlichen Ebenen. So hätte die Bundesregierung zwar vor einigen Monaten eine Demenz-Strategie vorgestellt, die gute Handlungsoptionen formuliere. Allerdings fehle ein Fahrplan zur Umsetzung genauso wie eine Evaluierung der Maßnahmen und die entsprechende Finanzierung. „Wir haben eine Lücke bei der Hauskrankenpflege. Es fehlt vor allem an Angeboten in der Tagesbetreuung und der Alltagsbegleitung. Und wo es diese Angebote gibt, sind sie oft für die Angehörigen nicht leistbar“, kritisierte Chalupka.

Bewusstseinsbildung brauche es auch in Krankenhäusern, so Chalupka weiter. Etwa im Zusammenhang mit Operationen, durch die es zu einer Verstärkung der Demenz kommen kann. Aber auch Behörden und andere öffentliche Stellen bräuchten bessere Schulungen für den Umgang mit Betroffenen. „Deshalb haben wir dieses Argumentarium herausgebracht. Es richtet sich an Mitarbeiter in der Betreuung und an Angehörige. Darüber hinaus will es aber eine breite Öffentlichkeit erreichen und informieren.“

„Das Argumentarium eignet sich auch für die Erwachsenenbildung und den Schulunterricht“, betonte Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und Direktor des IöThE. „Demenz ist nicht nur ein gesellschaftspolitisches Problem, sondern auch ein Problem der Bewusstseinsbildung“, sagte Körtner und erinnerte daran, dass in der Gesellschaft viele negative Bilder über Leben mit Demenz vorherrschten. „Dagegen wenden wir uns mit diesem Dokument. Darum haben wir ganz bewusst den Titel gewählt: ‚Gutes Leben mit Demenz‘. Und zwar ohne Fragezeichen am Ende.“ Das negative Bild und die Ängste vom Leben mit Demenz müssten als Anfrage an unsere Gesellschaft gedeutet werden, die sich immer mehr zu einer kognitiven Leistungsgesellschaft entwickle. „Wissen wird immer mehr zur Ware. Berufe, die eine gute Bildung voraussetzen, werden immer zukunftsfähiger. Wer hier nicht mehr mitarbeiten kann, fällt leicht aus dem Selbstbild der Gesellschaft heraus.“ In Folge dessen entstehe bei Betroffenen schnell das Gefühl, ein sinn- und würdeloses Leben zu führen. Hier gelte es, etwas entgegenzusetzen, da die öffentliche Meinung zum Thema Demenz durch negative Bilder, aber auch durch einseitige Darstellungen etwa in Spielfilmen und Romanen stark geprägt werde, zeigte sich Körtner überzeugt. „Letztlich geht es um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen“, unterstrich der Ethiker. „In der Debatte geht es um Möglichkeiten, Chancen und Grenzen der Inklusion von Menschen mit Demenz, nach dem Verhältnis von Selbstbestimmung und Fürsorglichkeit. Ich wünsche mir eine humane und zugleich solidarische Gesellschaft, in der junge und alte Menschen, Gesunde und Kranke, Menschen mit und ohne Behinderung miteinander leben und in ihrer unveräußerlichen Würde geachtet werden“, so Körtner.

Maria Katharina Moser, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IöThE, hob bei der Pressekonferenz hervor, dass mit dem Thema Demenz auch ethische Fragestellungen verbunden sind. Nicht zuletzt, weil derzeit rund 130.000 Menschen mit Demenz in Österreich leben und es im Jahr 2050 voraussichtlich 260.000 sein werden. „Demenz ist eine ethische Herausforderung in mehrfacher Hinsicht. Dabei geht es um medizinethische Fragestellungen, beispielsweise um Fragen rund um das Thema künstliche Ernährung, aber natürlich spielen auch Patientenverfügung und Therapiebegrenzung am Lebensende eine Rolle. Aber es betrifft auch Fragen nach einer guten Lebens-, Wohn- und Betreuungssituation für Menschen mit Demenz. Eine Frage, die auch Angehörige beschäftigt“, sagte Moser. Letztlich müsse gefragt werden, was Lebensqualität und Selbstbestimmung bedeuten, wenn Menschen mit kognitiven Einbußen zurechtkommen müssen. Und Moser betonte: „Die Würde des Menschen leitet sich von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ab. Das bedeutet: Menschen, die mit Demenz leben, verlieren entgegen der weit verbreiteten Rede vom ‚Abschied vom Ich‘ ihre Persönlichkeit nicht. Das ist praktisch und sozial relevant. Denn die Rede vom Persönlichkeitsverlust setzt eine Stigmatisierungs- und Ausschlussdynamik in Gang, unter der Betroffene und Angehörige leiden.“

Über ihre Erfahrungen in der Arbeit mit Menschen mit Demenz sprach Sylvia Boubenicek, Leiterin einer Tagesbetreuung des Diakoniewerks in Wels. Worauf es bei der Arbeit ankomme, sei eine gute Betreuung der Menschen mit Demenz. Dies umfasse etwa die geistige und körperliche Aktivierung der Klientinnen und Klienten. In den so genannten „Alzheimer-Cafés“ des Diakoniewerks hätten die KlientInnen die Möglichkeit, vieles selber zu tun, was ihnen im Alltag daheim schwer oder gar nicht möglich ist. „Das erhöht das Selbstwertgefühl der Menschen ungemein“, erklärte Boubenicek. Darüber hinaus würden sie dort, aber auch in der Tagesbetreuung insgesamt, aus der sozialen Isolation befreit. „Demenz lässt sich noch nicht heilen. Aber durch Maßnahmen wie diese kann der Krankheitsverlauf verlangsamt werden.“ Und Boubenicek räumt mit einem „Vorurteil“ bezüglich der Demenz auf: „Demenz betrifft nicht nur alte Menschen. Unsere jüngste Klientin ist 57 Jahre alt. Unser ältester Klient war 106.“

Diakonie-Direktor Chalupka abschließend: „Unser Ziel mit dem Argumentarium ist es, zu vermitteln, dass mit der Krankheit Demenz die Persönlichkeit eines Menschen nicht ausgelöscht wird.“

Das Argumentarium kann hier heruntergeladen werden.

ISSN 2222-2464