Telefonseelsorge: Ökumenisches Projekt wird 50

Foto: pixabay
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Seit 1967 mehr als eine Million Telefonate

Wien (epdÖ) – Die Telefonseelsorge Wien feiert heuer ihr 50-jähriges Bestehen. Seit 1967 bietet das ökumenische Projekt von Evangelischer und Römisch-katholischer Kirche unter der kostenlosen Notrufnummer 142 Ansprache für Menschen in akuten Krisen und schweren Lebenssituationen. In einem Pressegespräch am 3. Oktober informierten die Leiterinnen der Telefonseelsorge, Carola Hochhauser von evangelischer sowie Marlies Matejka von katholischer Seite, über die Arbeit ihrer Einrichtung. Auf den Einsatz der Ehrenamtlichen kam dabei der Arzt und Psychotherapeut Gernot Sonneck zu sprechen.

„Wir leisten in den meisten Fällen akute Lebenshilfe“, sagte Hochhauser, „das reicht von Notsituationen, in denen sich jemand das Leben nehmen will, bis zur telefonischen Begleitung im Alltag, wenn eine Person beim Wäschesortieren mit jemandem reden will.“ Im Durchschnitt melde sich einmal am Tag eine Person, die konkrete Suizidgedanken habe.

Generell sei in den letzten Jahrzehnten die Zahl jener gestiegen, die wegen psychischer Probleme anriefen, ergänzte Matejka. Danach folgten Einsamkeit und Beziehungsprobleme. „Ich glaube, die Telefonseelsorge fungiert hier auch als Platzhalter für die fehlende Bereitschaft in unserer Gesellschaft, anderen zuzuhören.“

Sonneck würdigte die Arbeit der Ehrenamtlichen: „Institutionen wie die Telefonseelsorge können etwas bieten, das professionelle Psychiater oder Psychotherapeuten nicht können. Ihre Stärke ist, dass man hier jederzeit, rund um die Uhr, anrufen kann. Das wäre ohne Freiwillige mit guter Ausbildung nicht zu schaffen.“ Die Telefonseelsorge biete zudem ein niederschwelliges Angebot und sei daher eine wichtige Vorfeldeinrichtung für andere Institutionen.

Die Wichtigkeit der Ausbildung unterstrich auch Marlies Matejka: „Bevor jemand ans Telefon darf, muss er oder sie eine einjährige Ausbildung machen. Auch bieten wir schon immer Supervision, das ist in vielen Bereichen der Freiwilligenarbeit nicht selbstverständlich.“ Auch wenn die Zahl der Männer langsam zunehme, so werde die ehrenamtliche Arbeit am Telefon noch immer zu 80 Prozent von Frauen getragen.

Carola Hochhauser hob den ökumenischen Aspekt der Telefonseelsorge hervor: „Hier passiert Ökumene auf Augenhöhe. Vor 50 Jahren ist die Initiative von der Evangelischen Kirche in Wien ausgegangen, heute sind etwa zehn Prozent der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen evangelisch, das ist mehr als im Bevölkerungsschnitt.“ Sie betonte jedoch auch, dass man nicht missionieren wolle, auch wenn sich die Gespräche immer wieder um Gott und Glauben drehten.

In Wien wurden in den letzten 50 Jahren von 150 Ehrenamtlichen mehr als 1.130.000 Gespräche geführt. Im Jahr 2016 waren es rund 35.000 Gespräche mit einer Dauer von insgesamt 18.000 Stunden. Die meisten Telefonate finden zwischen 17 und 24 Uhr statt. Der Großteil der Anruferinnen und Anrufer ist zwischen 40 und 60 Jahre alt und lebt allein, 66 Prozent sind weiblich, 34 Prozent männlich.

Seit 1998 ist die Hotline der Telefonseelsorge (142) als Notrufnummer kostenlos zu erreichen. Seit 2012 wird auch E-Mail-Beratung angeboten, seit 2016 können Chats über verschlüsselte Verbindungen in Anspruch genommen werden. Künftig soll es auch fremdsprachige Angebote geben, kündigte Leiterin Marlies Matejka an.

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ISSN 2222-2464