Ökumenische Gebetsstunde für den Frieden

„5 vor 12“ im Wiener Stephansdom – Bünker: „Pflicht der Kirchen, sich gegen Irak-Krieg zu stellen“ – Recht auf Alternative zu Krieg und Diktatur

Wien, 15.2.03 (epd Ö) Die Pflicht der christlichen Kirchen, sich gegen einen Krieg im Irak zu stellen, unterstrich der evangelische Oberkirchenrat Michael Bünker in seiner Predigt im Rahmen der ökumenischen Gebetsstunde für den Frieden am Samstagmittag „5 vor 12“ im Wiener Stephansdom. Die Kirchen sagten einmütig, dass die Anwendung von Gewalt gegen Menschen niemals gerecht sei, auch wenn es um einer vermeintlich gerechten Sache willen geschehe. Der Krieg gegen den Irak wäre zudem ein Präventivkrieg, „den kein Völkerrecht und keine Ethik zulassen“.

Ein solcher Krieg würde unverhältnismäßige Mittel der Zerstörung einsetzen, um einen Diktator zu entwaffnen. Bünker: „Niemand kann ausschließen, dass der Zustand nach einem solchen Krieg schlimmer ist als der zuvor.“ Der Krieg hätte schreckliche Folgen für die Menschen im Irak; und er hätte unabsehbare soziale, kulturelle und religiöse Langzeitfolgen für den Irak, für die Region und für die Welt.

Der Oberkirchenrat wies den Einwand zurück, wer gegen diesen Krieg sei, der sei für eine Diktatur. Diese Alternative sei falsch. „Die Menschen im Irak haben ein Recht auf eine Alternative zu Krieg und Diktatur“, so Bünker. In der Debatte um den Irak-Krieg prallten zwei Welten aufeinander: die des „Pilatus, in der Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit Früchte von Cäsars Schwert sind, und die Jesu, in der Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit in der Alternative zu Cäsars Schwert liegen“. Es stelle sich die Frage, welcher der beiden Welten die Zukunft gehöre. Der Glaube eröffne eine Alternative zu einer Welt, die „gefangen ist in der Gewalt der Geschichte“ und in der nur das Recht des Stärkeren gilt. Auch wenn der Krieg gegen den Irak für viele nicht mehr abwendbar scheine, sei die Lage nicht ausweglos.

Staikos: Christen als Friedensstifter

Der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos sagte, der Stephansdom, „wo das Herz Österreichs schlägt“, sei mehrmals im Laufe seiner Geschichte Zeuge dafür gewesen, „was Krieg bedeutet und was Frieden“. Die Christen bräuchten den Mut, als Friedensstifter in der Welt aktiv zu werden, betonte Staikos vor den über 3000 Menschen, die an der ökumenischen Gebetsstunde teilnahmen.

In seiner Einleitung zum Vater unser sagte der evangelisch-lutherische Bischof Herwig Sturm: „Viele Menschen aus vielen Völkern rufen heute zu Gott, viele Gebete in vielen Sprachen bitten um das Wunder, dass wir uns verändern zum Frieden.“

Weitere Sprecher bei der Gebetsstunde waren der Dompfarrer von St. Stephan, Anton Faber, der Präsident der Katholischen Aktion, Christian Friesl und der syrisch-orthodoxe Chorbischof Emanuel Aydin.

Hilfe für krebskranke Kinder in Basra

Die Gebetsstunde wurde getragen von der Katholischen Aktion Österreich, der Katholischen Jugend, der Friedensbewegung „Pax Christi“, der Fokolar-Bewegung, der Initiative „Christentum und Gerechtigkeit“ und vom österreichischen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes. Alle im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) vertretenen Kirchen und zahlreiche Organisationen hatten sich dem Aufruf angeschlossen.

Die Kollekte bei der Gebetsstunde kam dem Projekt „Aladins Wunderlampe“ zu Gute, einer Initiative für die medizinische Versorgung von krebskranken Kindern in Basra. Trotz der Beschränkungen durch das Embargo gegen den Irak hat es die Wiener Ärztin Eva-Maria Hobiger, Radiologin im Krankenhaus Lainz und Initiatorin des Projekts, geschafft, Medikamente und medizinisches Gerät nach Basra zu bringen.

Ein Element der Gebetsstunde war ein in der Sprache Jesu – aramäisch – gesungenes Vater unser, vorgetragen von einem Diakon der Apostolischen Kirche des Ostens. Damit sollte Bezug genommen werden auf den nach biblischer Überlieferung aus dem heutigen Irak berufenen Stammvater Abraham.

ISSN 2222-2464