Körtner: „Reformation war Befreiungsbewegung“

„Es muss sich etwas ändern. Anstöße der Reformation“ ist das Thema der diesjährigen Sommerakademie in Kremsmünster. Foto: epd/M. Uschmann
„Es muss sich etwas ändern. Anstöße der Reformation“ ist das Thema der diesjährigen Sommerakademie in Kremsmünster. Foto: epd/M. Uschmann

Sommerakademie über Impulse der Reformation – Bilder auf foto.evang.at

Linz (epdÖ) – Die Reformation nicht als punktuelles, 500 Jahre zurückliegendes Ereignis, sondern als Entwicklungsprozess und Anstoß für Gegenwart und Zukunft zu sehen, ist Thema der Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster, die am Freitag, 15. Juli, zu Ende geht. Experten beleuchten die Reformation, ihre Anliegen und Impulse aus protestantischer und römisch-katholischer Sicht.

In seinem Vortrag beschäftigte sich der evangelische Theologe Ulrich H.J. Körtner (Universität Wien) mit der Freiheitsdimension des reformatorischen Glaubens. Die bleibende Bedeutung der Reformation bestehe darin, „die Freiheit als Inbegriff des Evangeliums von Jesus Christus neu entdeckt und zur Geltung gebracht zu haben, zugleich aber die Gleichheit im Sinne des Priestertums aller Gläubigen“, so der Systematiker. So könne auch das Neue Testament „als Dokument des ersten Aufbruchs in die evangelische Freiheit“ bezeichnet werden, sagte Körtner in Anlehnung an den Neutestamentler Ernst Käsemann. Eine Freiheit, die aber immer wieder neu zu entdecken sei, auch für die Kirchen der Reformation.

„Nach reformatorischem Verständnis sind Heilsgeschehen und Heilsgeschichte eine Geschichte der Freiheit, genauer gesagt, eine Geschichte der Befreiung“, betonte Körtner. Somit sei letztlich auch die Lehre von der bedingungslosen Annahme und Rechtfertigung des Gottlosen nichts anderes als eine Freiheitslehre. Dies zeige sich auch darin, dass die Reformation in vielfältiger Weise eine Befreiungsbewegung war, in der es um die Freiheit von klerikaler Bevormundung ebenso ging wie um politische und soziale Freiheiten. „Wahre Freiheit besteht in der Befreiung des Menschen von seiner Sünde durch Gott – und das heißt im Sinne Luthers und der übrigen Reformatoren – in der Befreiung vom Unglauben“, erklärte Körtner. Freiheit bleibe also unverfügbare Gnade; dauerhafte Freiheit gebe es für den Menschen erst im Reich Gottes. Im Glauben könnten Menschen aber bereits heute die Erfahrung von Freiheit machen, nämlich die „Erfahrung einer Gewissheit, die die gesamte Existenz trägt“.

Das Freiheitsverständnis habe schließlich auch Auswirkungen auf die Ethik. „Christliche Ethik nach evangelischem Verständnis ist als eine vom Geist der Liebe bestimmte Form der Verantwortungsethik zu verstehen.“ Dabei gilt, dass Menschen, die Verantwortung übernehmen, dies mit der Gewissheit tun können, dass man scheitern darf und auf Vergebung vertrauen darf. Wie Körtner weiter ausführte, laute eine Kernfrage evangelischer Sozialethik, welche Institutionen Freiheit ermöglichen und fördern oder aber verhindern. Institutionen seien daran zu messen, „inwieweit sie Gerechtigkeit, Teilhabegerechtigkeit ebenso wie Verteilungsgerechtigkeit verwirklichen“. Diese Frage richte sich auch an die Institution Kirche.

Die deutsche evangelische Kirchenhistorikerin und Theologin Athina Lexutt referierte in ihrem Vortrag bei der Sommerakademie über die Frage „Die Reformation – Segen oder Fluch?“ aus protestantischer Perspektive. Wörtlich sagte die Theologin: „Ich stehe hier als evangelische Theologin und bekennende Christin, die von der lutherischen Lesart des Evangeliums Jesu Christi überzeugt ist und sich intensiv mit der lutherischen Theologie auseinandergesetzt hat. Als solche kann und will ich klar von einem Segen sprechen. Ich stehe hier aber auch als Historikerin, die die Augen nicht verschließen kann vor all dem, was unter ‚Fluch‘ einzuordnen ist.“

Der Rektor der Katholischen Privat-Universität (KU) Linz, Franz Gruber, beleuchtete die Bemühungen von Papst Franziskus, die Kirche zu reformieren, und fand gewisse Parallelitäten zu Martin Luther. Als offene Probleme der Kirche habe Franziskus sehr bald den Klerus bzw. auch die vatikanische Kurie in den Blick genommen. Seine Kritik daran sei sehr ähnlich jener, die schon Martin Luther vor 500 Jahren geübt hatte. Gruber ging unter anderem auch auf die ökumenischen Akzente von Papst Franziskus ein. Dieser setze scheinbar weniger auf die Theologie als vielmehr auf das gemeinsame christliche Zeugnis als Motor der Ökumene..

Fotos zur Sommerakademie vom 15.7.2016 (auch zum Download in Druckqualität) finden Sie auf foto.evang.at.

ISSN 2222-2464