Körtner fordert Debatte über Hirntod auch in Österreich

"So verständlich die Sorge um die Akzeptanz der Transplantationsmedizin bei uns in Österreich auch sein mag, sie berechtigt doch nicht dazu, die Hirntoddebatte zu tabuisieren oder als eine Diskussion von medizinischen Außenseitern und Wirrköpfen abzutun", schreibt Ulrich Körtner in einem Kommentar für die Tageszeitung "Der Standard". (Foto: epd/M.Uschmann)
"So verständlich die Sorge um die Akzeptanz der Transplantationsmedizin bei uns in Österreich auch sein mag, sie berechtigt doch nicht dazu, die Hirntoddebatte zu tabuisieren oder als eine Diskussion von medizinischen Außenseitern und Wirrköpfen abzutun", schreibt Ulrich Körtner in einem Kommentar für die Tageszeitung "Der Standard". (Foto: epd/M.Uschmann)

„Neige dazu, den Hirntod für ein sicheres Todeskriterium zu halten“

Wien (epdÖ) – In die aktuelle Debatte rund um den Hirntod als Todeskriterium und die Frage, ab wann einem Menschen zum Zweck der Transplantation Organe entnommen werden dürfen, hat sich nun auch der Wiener evangelische Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner eingeschaltet. „Wider die Tabuisierung der Hirntod-Debatte“ lautet der Titel von Körtners Kommentar, der am 15. November in der Tageszeitung „Der Standard“ erschienen ist.

Seit längerer Zeit schon diskutieren Experten die Frage, ob eine fehlende Hirnreaktion wirklich bedeute, dass der Mensch als tot angesehen werden darf oder nicht. In Österreich werde die Debatte derzeit aus Rücksicht auf MedizinerInnen, JuristInnen und PolitikerInnen nicht geführt, kritisiert Körtner. Zu groß sei die Angst, dass die österreichische Lösung in der Organspende-Frage öffentlich nicht mehr tragbar sei. Derzeit ist es so, dass jedem Patienten beziehungsweise jeder Patientin, der oder die hirntot ist, Organe entnommen und diese gespendet werden dürfen, sofern die Person nicht zuvor Einspruch erhoben hat. „So verständlich die Sorge um die Akzeptanz der Transplantationsmedizin bei uns in Österreich auch sein mag, sie berechtigt doch nicht dazu, die Hirntoddebatte zu tabuisieren oder als eine Diskussion von medizinischen Außenseitern und Wirrköpfen abzutun“, betont Körtner.

Der Medizinethiker verweist in seinem Kommentar etwa auf den Bioethikrat des US-Präsidenten, der bereits 2008 in einem Bericht angedeutet hat, dass der komplette Ausfall des Gehirns nicht unbedingt mit dem Tod des Menschen gleichgesetzt werden dürfe. Der deutsche Wissenschaftler Peter Dabrock etwa vertrete die These, die moderne Intensivmedizin habe ein neues Stadium des Menschseins geschaffen: „irreversibel sterbende Menschen“, berichtet Körtner. Neuere Forschungsergebnisse würden darauf hinweisen, dass an der Integration des Organismus zu einem lebensfähigen System auch andere Teile des Körpers beteiligt sind, wie ja auch das Gehirn nicht isoliert vom gesamten Nervensystem betrachtet werden darf. Die Integration des Organismus wäre demnach eine Eigenschaft des Gesamtorganismus und nicht nur des Gehirns.

„Ich selbst neige nach wie vor dazu, den Hirntod für ein sicheres Todeskriterium zu halten“, resümiert Körtner in seinem Kommentar. Er sei aber dankbar für jede kritische Stimme, denn nur so komme eine längst überfällige Debatte in Österreich zustande.

Den Kommentar von Ulrich Körtner finden Sie im Internet unter derstandard.at/1350261404934/Wider-die-Tabuisierung-der-Hirntod-Debatte

ISSN 2222-2464