Diakonie: Leistbarer Schulstart für alle

Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk macht auf hohe Kosten zum Schulbeginn aufmerksam und kritisiert soziale Ungleichheiten im Schulsystem. Foto: pixabay/Katrina_S
Diakonie-Sozialexperte Martin Schenk macht auf hohe Kosten zum Schulbeginn aufmerksam und kritisiert soziale Ungleichheiten im Schulsystem. Foto: pixabay/Katrina_S

Chancenindex soll benachteiligte Schulstandorte fördern

Wien (epdÖ) – Mit dem Schulbeginn am 4. September im Osten und am 10. September im Westen Österreichs werden auch heuer wieder viele Familien vor eine große Herausforderung gestellt: „Ein guter Start am Schulanfang wird sich für viele Kinder nicht ausgehen“, warnt der Sozialexperte der Diakonie Österreich, Martin Schenk. 55.000 sechs- bis neunjährige und 64.000 zehn- bis vierzehnjährige Kinder leben laut aktuellen Angaben der Statistik Austria in einkommensarmen Haushalten. Je früher, je schutzloser und je länger Kinder der Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen, weist Schenk auf schlechte Startbedingungen für viele Kinder am Schulanfang hin.

„Zunehmend klagen Eltern über die oft nicht mehr leistbaren Beiträge, die ihnen zu Schulbeginn abverlangt werden. Ein einfaches Startpaket für einen Schulanfänger bestehend aus Schultasche, Sportbeutel, Heften, verschiedenen Stiften, Handarbeitskoffer, Malfarben kostet 100 bis 300 Euro.“ Dazu kommen noch je nach Schulstufe und Schultyp Beiträge wie Kopierkosten, Milchgeld, Abos für Jugendliteratur, Projekt- und Wandertage, Elternvereinsbeiträge und vieles mehr.

Kürzung der Mindestsicherung erschwert Situation

Auch die Kürzung der Mindestsicherung, die zu Beginn des Jahres in einigen Bundesländern durchgeführt wurde, stellt laut Schenk ein Gefährdungspotenzial dar. Mit derartigen Einschnitten würden Gegenwart und Zukunft für Kinder aus sozial benachteiligten Familien noch weiter verschlechtert. Was Einschnitte in das untere soziale Netz bei Notstand, Krankheit oder Mindestsicherung bedeuten, könne bei den Folgen für Kinder sichtbar werden: 52.000 Kinder leben in Haushalten, die die Wohnung nicht angemessen warm halten können. 171.000 Kinder sind nicht in der Lage, einmal im Monat Freunde zu sich nach Hause einzuladen. 234.000 Kinder müssen in überbelegten Wohnungen leben, 223.000 Kinder wohnen in feuchten und schimmligen Zimmern.

Gezielte Förderung von sozial benachteiligten Schulstandorten

„Damit Zukunft nicht von der Herkunft abhängt, braucht es Hilfestellungen am Schulstart genauso wie einen Bildungsweg, der nicht sozial selektiert, sondern individuell fördert“, betont Sozialexperte Schenk, der auch Mitbegründer der Österreichischen Armutskonferenz ist. „Wichtig wäre auch, Schulen in sozial benachteiligten Bezirken besonders gut auszustatten, damit sie keine Schüler zurücklassen und für alle Einkommensschichten attraktiv bleiben“, schlägt Schenk die konsequente Umsetzung eines „Chancenindex“ vor, der Schulen an sozialen Brennpunkten mehr Ressourcen zuweist. Mit dieser schulpolitischen Intervention könne zwar die Spaltung in „gute“ und „schlechte“ Wohngegenden nicht aufgehoben werden – die liege ja in der Einkommens- und Wohnpolitik – aber es könne in den Schulen einiges verbessert werden.

„Die Niederlande, Zürich, Hamburg und auch Kanada haben mit einem Chancenindex gute Erfahrungen gemacht“, verweist Schenk auf internationale Beispiele. Mit einem solchen Index, der unter anderem Bildungsstand, Beruf und Einkommen der Eltern umfasst, erhält eine Schule um einen bestimmten Prozentsatz mehr an Ressourcen. Aus dem österreichischen Bildungsministerium heißt es dazu, eine erste Pilotphase des Chancenindex werde derzeit evaluiert. In ganz Österreich in Kraft treten soll der Index im Rahmen der vor dem Sommer beschlossenen Bildungsreform ab 2019.

Mehr Geld bedeutet aber nicht unbedingt, dass die Schulen qualitativ besser werden, gibt Schenk zu bedenken. „Deswegen muss jeder Standort ein Konzept entwickeln, wie er die Ressourcen am sinnvollsten einsetzt. Und nach einer Zeit wird überprüft, ob die Maßnahmen helfen. Die Vorteile sind: Schulische Autonomie und Demokratie wird gefördert und Anreize für engagierte Pädagogen gesetzt. Das zahlt sich aus: Bessere Leistungen, mehr Chancen und attraktivere Schulen.“

Zur Akuthilfe für Kinder, deren Eltern sich den Schulstart nicht leisten können, hat die Stadtdiakonie Wien ein Spendenkonto eingerichtet: Stadtdiakonie Wien, IBAN: AT13 3200 0002 0747 7417, BIC: RLNWATWW

 

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ISSN 2222-2464