Bünker: Mensch bleiben, wenn alles Menschliche genommen wird

Wirkten an dem ökumenischen Gedenkgottesdienst mit: der katholische Bischof em. Maximilian Aichern, Bischof Michael Bünker, Kirchenrat Pfarrer Björn Mensing von der Versöhnungskirche und Pastoralreferent Ludwig Schmidinger (v.l.). Foto: Robert Kiderle
Wirkten an dem ökumenischen Gedenkgottesdienst mit: der katholische Bischof em. Maximilian Aichern, Bischof Michael Bünker, Kirchenrat Pfarrer Björn Mensing von der Versöhnungskirche und Pastoralreferent Ludwig Schmidinger (v.l.). Foto: Robert Kiderle

Ökumenischer Gottesdienst in KZ-Gedenkstätte Dachau

Wien (epdÖ) – „Wie macht man das – ein Mensch zu bleiben, wenn einem alles Menschliche genommen wird, bis hin zum Namen, und jede Menschliche Regung verboten ist?“ Mit dieser Frage erinnerte Bischof Michael Bünker am Sonntag, 8. April, in der Versöhnungskirche der Gedenkstätte des KZ Dachau an das Schicksal der von den Nationalsozialisten Verfolgten, Gefangengenommen und Getöteten. Er spielte damit auf das Dachau-Lied des österreichischen Schriftstellers Jura Soyfer an, in dessen Refrain es heißt: „Bleib ein Mensch, Kamerad!“ Soyfer war im Juni 1938 selbst nach Dachau gekommen. Im Februar 1939 verstarb er im KZ Buchenwald.

„Gerechtigkeit wächst von denen her, denen sie versagt bleibt“

„Gerechtigkeit wächst nur von denen her, denen sie versagt bleibt, die nach ihr hungern und dürsten. Sie sollen satt werden. Sie sollen aufgehoben werden aus dem Staub, in den sie die Stiefel der Unterdrückung stoßen. Sie sind ‚selig‘, weil sie darauf vertrauen dürfen, dass Gott an ihrer Seite steht und sie nicht verlässt“, sagte Bünker in seiner Predigt vor den GottesdienstbesucherInnen aus Deutschland und Österreich, die anlässlich des Gedenkens an den ersten Österreicher-Transport nach Dachau im April 1938 in die Gedenkstätte bei München gekommen waren. 150 Menschen, darunter Juden und politisch Verfolgte, waren am 1. April am Wiener Westbahnhof von der Kriminalpolizei an die Dachauer SS-Wachmannschaft übergeben worden.

„Bergpredigt Grundrichtung für politische Sachentscheidungen“

Neben dem Gedenken an die Ereignisse vor 80 Jahren schlug Bünker aber auch den Bogen zu aktuellen politischen Entwicklungen: Während in der letzten Zeit wieder diskutiert werde, ob mit der Bergpredigt Politik gemacht werden kann oder nicht, sei er „davon überzeugt, dass sie eine Grundrichtung angibt, an der sich auch diejenigen orientieren können, die Tag für Tag politische Sachentscheidungen zu treffen haben“.

„Menschenrechte aus Blut und Tränen erwachsen“

Darüber hinaus erinnerte Bünker an die Folgen, die aus der menschlichen Katastrophe des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs entstanden seien: „Nach der Befreiung der Konzentrationslager ist aus Blut und Tränen Neues entstanden“ – und dies auf politischer Ebene, in der Ökumene sowie im Verhältnis der Kirchen zum Judentum. Zudem seien „aus Blut und Tränen 1948 die Menschenrechte erwachsen, die uns heute ein gutes Zusammenleben für alle ermöglichen“.

Abschließend mahnte Bünker ein, wachsam zu sein, wenn heute die Menschenwürde bedroht werde, wenn Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wieder gehäuft aufträten, wenn Hass und Verachtung geschürt würden: „Demokratie braucht den Respekt, die Achtung und Toleranz der Andersdenkenden, sie darf dem Extremismus, der Intoleranz, der Herabwürdigung und dem Hass keinen Platz geben.“

Bischof Aichern: Persönliche Erinnerungen an „Anschluss“

„Erinnern ist zu wenig, wir müssen tätig sein, wachsam sein“, sagte der emeritierte katholische Bischof der Diözese Linz, Maximilian Aichern. Er erzählte in der Versöhnungskirche von seinen persönlichen Erinnerungen an den „Anschluss“ vor 80 Jahren: „1938 war ich im letzten Kindergartenjahr. Abends um acht Uhr ging ich ins Bett, meine Eltern saßen daneben. Es gab nur einen Raum. Bevor ich einschlief, wurde im Radio berichtet, dass der damalige Bundeskanzler Kurt Schuschnigg aufgibt. Er sagte noch: ‚Gott schütze Österreich‘. Das habe ich noch heute in den Ohren.“

Der katholische Pfarrer Alfons Einsiedl las aus einem Brief seines Großvaters Alois Renoldner, der im KZ Dachau „die schwersten Stunden seines Lebens“ verbracht habe: „Ich hielt Zwiesprache mit mir selbst“, heißt es in dem Brief. Der Glaube habe ihm geholfen, die schwierige Situation durchzustehen.

An dem ökumenischen Gottesdienst wirkte auch Kirchenrat Björn Mensing, Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit und Pfarrer der Versöhnungskirche, mit, ebenso Pastoralreferent Ludwig Schmidinger, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der Erzdiözese München und Freising und katholischer Seelsorger an der Gedenkstätte Dachau, und Claudia Mühlbacher, Pfarrerin in der Evangelischen Versöhnungskirche. Der jüdische Kantor Nikola David von der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München sorgte mit hebräischen Gesängen für die musikalische Gestaltung. Unter den Ehrengästen befanden sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Bundestagsabgeordneter Michael Schrodi (SPD), Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath (CSU), Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) sowie Vizelandrätin Marianne Klaffki (SPD).

Neben dem Gottesdienst widmeten sich in Dachau mehrere Führungen der Erinnerung an den Österreicher-Transport; in der Versöhnungskirche ist zudem eine Ausstellung über „Österreichischen Widerstand gegen Hitler“ zu sehen. Am deutsch-österreichischen Gedenkgottesdienst nahmen auch ökumenische Gruppen aus Tirol und Oberösterreich teil.

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ISSN 2222-2464