Ulrich Kasparick: „Schaut her, uns säuft die Kirche ab!“

"Wir brauchen andere Lebensstile, Menschen, die mit weniger zufrieden sind." Foto: epd/Uschmann
"Wir brauchen andere Lebensstile, Menschen, die mit weniger zufrieden sind." Foto: epd/Uschmann

Deutscher Pfarrer und Ex-Staatssekretär im Gespräch über den Klimawandel

Wien (epdÖ) – Er studierte Theologie in der DDR, war unter Gerhard Schröder und Angela Merkel Staatssekretär in zwei Ministerien, dann nahm er sich eine Auszeit, wurde Pfarrer in einer kleinen evangelischen Gemeinde in Brandenburg. Jetzt hat sich Ulrich Kasparick das Ziel gesetzt, den Klimawandel zu bekämpfen. „Für seine Enkel“, wie er sagt. Und so heißt auch die Initiative, die er gegründet hat. Der Evangelische Pressedienst hat Kasparick auf seiner Presse- und Vernetzungsreise in Wien getroffen und mit ihm über das wahrscheinliche Scheitern der UN-Klimaziele, emotionale Bewusstseinsbildung und die Aufgabe der Kirchen in der Klimakrise gesprochen.

epdÖ: Herr Kasparick, auf Twitter nennen Sie sich „Klimasenior“ – wie kommt es zu dem Namen?

Ulrich Kasparick: Das bringt auf den Punkt, worum es mir bei der Sache geht. Nämlich die Älteren zu verknüpfen mit einem Zukunftsthema für die Jüngeren. Der Grundgedanke von „Für unsere Enkel“ ist, dass Menschen mit Berufserfahrung, mit persönlichen Netzwerken, am Ende ihres beruflichen Lebens das, was sie an Ressourcen haben, einbringen für die junge Generation.

In den UN-Klimazielen ist von einer Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit im 19. Jahrhundert die Rede. Gleichzeitig wächst die Erdbevölkerung ständig an, Wirtschaftswachstum ist das Credo: Kann das zusammengehen?

Nein, das ist ein Widerspruch. Deswegen haben die Leute recht, die sagen, innerhalb unseres wachstumsorientierten Systems kriegen wir dieses Problem nicht gelöst. Auch die sogenannte Green Economy wird dieses Problem allein nicht lösen, weil dabei eine Menge an Ressourcen verbraucht wird. Wir brauchen andere Lebensstile, Menschen, die mit weniger zufrieden sind. Und ob wir die zwei Grad wirklich global halten können – da hört man immer mehr kritische Stimmen.

Sehen Sie ihr Heimatland Deutschland mit dem Klimaschutzplan auf dem richtigen Weg?

Ich war ja in Deutschland beteiligt an der Einführung der Elektromobilität. Leider ist seitdem nicht mehr viel passiert. Wir sind in Deutschland zusehends skeptisch geworden gegenüber den eigenen Zielen. Ob die Regierung die Klimaziele 2030 erreicht? Alle Indikatoren sprechen dagegen. Das bedeutet, es kommt zu einem Vertrauensverlust. Wir haben eine sehr erfolgreiche Konjunkturphase hinter uns, die Kassen fließen über, wir müssen jetzt die radikalen Schritte gehen.

Wie sehen die aus?

Wir müssen aufhören mit der Subventionierung fossiler Energie. Da gehen 600 Milliarden Dollar jedes Jahr hinein. Es muss zudem ein fester CO2-Preis kommen. Wer viel emittiert, zahlt viel, wer wenig emittiert, zahlt wenig. Das führt zu einem Strukturwandel in der Industrie, weil Kohlekraftwerke nicht mehr wirtschaftlich zu führen wären.

Was tun die deutschen Kirchen gegen die Klimaerwärmung?

Einige Landeskirchen haben sich Klimaschutzpläne gegeben, zum Beispiel die Nordkirche, die bis 2050 klimaneutral sein will. Bei der Umsetzung liegt momentan die Schwierigkeit. Wir haben in Deutschland aber eine Tradition, die aus den 80-ern kommt: Friede, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, auch wenn sie ein bisschen eingeschlafen ist…

…und die Menschen aus dieser Tradition sind heute schon älter. Erreicht man mit den Slogans jüngere Menschen?

Für junge Leute muss man das Thema anders formulieren und da ansetzen, wo junge Menschen heute sind. Wenn Sie schauen, was die schwedische Schülerin Greta Thunberg macht: Sie formuliert dasselbe Problem in einer anderen Sprache: Wie können wir verantwortlich mit der Schöpfung umgehen?

Apropos Sprache: Mit welcher Sprache erreicht man die Menschen in Sachen Klimaschutz? Mit Emotionen, rationalen Überlegungen, wirtschaftlichen Interessen?

Ich merke, dass das abstrakte Faktenwissen die Menschen nicht motiviert. Was ein bisschen was ändert ist, wenn wirkliche Betroffenheit dazukommt. Ein Beispiel: Unsere Kirche hat eine Partnergemeinde in Lateinamerika, und die Menschen dort schicken Fotos und sagen: „Schaut mal her, uns säuft die Kirche ab!“ Oder in der Familie: Wenn kleine Kinder da sind, vergegenwärtigt man sich vielleicht: „Wie ist diese Welt, wenn die so alt sind, wie ich jetzt bin?“ Für 2080 liegt die Prognose bei plus vier Grad. Das ist katastrophal.

Und welche Sprache können Kirchen verwenden?

Kirchen haben einen Fundus einzubringen, nämlich die Erkenntnis: Diese Welt gehört uns nicht, es ist Gottes Welt, nicht unsere. Daher können wir nicht einfach machen was wir wollen. Das können Parteien oder soziale Organisationen nicht einbringen, das kann nur die Sprache der Religion.

Erreichen Sie damit eine zunehmend säkulare Gesellschaft? In Brandenburg, wo Sie Pfarrer waren, sind vier von fünf Menschen ohne religiöses Bekenntnis.

Wenn man echt ist und nicht versucht, den Menschen etwas vorzumachen, dann hören sie sehr, sehr aufmerksam zu und sind sehr ansprechbar.

Hätten Sie im Klimaschutz nicht noch mehr bewegen können, wenn Sie in der deutschen Bundespolitik geblieben wären?

Wenn Sie mich fragen, wo ich glücklicher bin, dann muss ich sagen, ich bin es jetzt, da diese Mühle der Politik für mich unerträglich geworden ist. Jetzt kann ich mich fokussieren. Ich glaube, das Nachhaltigere, das, was mehr prägt, ist das, was ich jetzt mache

Ein ausführliches Doppelinterview mit Ulrich Kasparick und Michael Chalupka, Geschäftsführer der Diakonie Bildung und Diakonie Eine Welt, lesen Sie auch in der März-Ausgabe der „SAAT. Evangelische Zeitung für Österreich“.

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ISSN 2222-2464