Soziale Verantwortung und die Weltreligionen

Enquete diskutierte das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen im interreligiösen Kontext

Wien (epd Ö) – „Das Sozialwort des Ökumenischen Rates der Kirchen lebt. Die Angst, es könne in der Schublade verschwinden, hat sich als unbegründet erwiesen.“ Das sagte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), der lutherische Bischof Mag. Herwig Sturm, in seiner Begrüßung zur Enquete „4 Jahre Sozialwort – Sozialwort im interreligiösen Kontext“ am 15. November im Oratorium der Nationalbibliothek in Wien.

 

Sturm, der auf der Enquete auch einen Überblick über den Verlauf der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Sibiu gab und in die zehn Punkte ihres Schlussdokuments einführte, gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass das Sozialwort nunmehr in einen interreligiösen Kontext gestellt werde. „Wenn wir das Programm von Sibiu ernst nehmen, verändert sich diese Kirche, verändert sich diese Welt. Und heute wollen wir uns verändern im interreligiösen Dialog“, sagte der Bischof.

 

Einen Text mit „ähnlichen Grundgedanken wie das Sozialwort“ stellte Archdeacon Patrick Curran von der Church of England vor. Der Report „Faithful Cities: A call for celebration, vision und justice“ behandelt ausführlich die Möglichkeiten des „sozialen Glaubenskapitals“ in den modernen Gesellschaften sowie Themen wie „Reichtum und Armut“, „Gleichheit trotz Vielfalt“, „Partnerschaft“ und „Jugend“.

 

Der Fremde in der jüdischen Tradition

 

Dass es in der Bibel keine Sozialinstitutionen gibt, wohl aber der Einzelnen zur Hilfe am Mitmenschen aufgerufen wird, darauf verwies Oberrabbiner Dr. Paul Chaim Eisenberg. Insbesondere die Verantwortung für den Fremden spiele in der biblisch-jüdischen Tradition eine Rolle. Eisenberg untermauerte dies mit zahlreichen Zitaten aus der hebräischen Bibel wie „Einen Fremdling sollst du nicht kränken und ihn nicht bedrücken“ aus dem zweiten Mosebuch oder „Wenn ein Fremdling in eurem Land weilt, sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie der Eingeborene unter euch sei euch der Fremdling, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge wart ihr im Lande Ägypten. Ich, der Ewige, bin euer Gott“ aus dem dritten Buch Mose.

 

Islam: Glaube und Tat müssen verbunden sein

 

Die Sozialtheologie des Islam beschrieb die Krankenhausseelsorgerin und Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft Andrea Saleh. Saleh betonte, da sich der Islam als die Vollendung der Religionen nach Judentum und Christentum verstehe, seien auch für MuslimInnen die ethischen Forderungen der Zehn Gebote oder das Gebot der Nächstenliebe relevant. Grundsatz im Islam sei, dass der Glaube stets mit der Tat verbunden sein müsse. Daher gelte auch die soziale Pflichtabgabe, die so genannte „Zakat“, neben Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten im Ramadan und der Pilgerfahrt nach Mekka die dritte der fünf Säulen der islamischen Glaubenspraxis, als religiöser Akt. Ziel sei, so Saleh: „Alles, was man nicht benötigt, soll man freiwillig spenden.“ Dabei gehe der Islam davon aus, dass „jeder Mensch, ob reich oder nicht“ Gelegenheit habe, das Gute zu tun.

 

Saleh erinnerte daran, dass es in der islamischen Welt schon sehr früh zu einem ausgeprägten sozialen Engagement gekommen sei, das auch strukturiert war, z.B. in zahlreichen Krankenhäusern und Armenküchen. Heute existierten zahlreiche international wirkende Hilfsorganisationen wie der Rote Halbmond. In Österreich sei das soziale Engagement der Muslime rein ehrenamtlich. In Wien bestehe eine islamische Fachschule für soziale Berufe.

 

In einem Grußwort regte Mag. Amir Zaidan von der islamischen Glaubensgemeinschaft für die Zukunft die Erstellung eines „Sozialwortes der Religionen“ an.

ISSN 2222-2464