ORF und Religion: „Kritische Distanz und respektvolle Nähe“

Generaldirektorin Lindner beim Empfang anlässlich des 80-Jahre-Jubiläums des Evangelischen Presseverbands: „Der Markt für Sinnvermittlung boomt“

Wien, 23. September 2005 (epd Ö) – Als „kritische Distanz und respektvolle Nähe“ hat ORF-Generaldirektorin Dr. Monika Lindner das Verhältnis ihres Unternehmens zur Religion bezeichnet. In ihrem Festvortrag beim Empfang anlässlich des 80-jährigen Bestehens des Evangelischen Presseverbands in Österreich am 22. September sagte Lindner im voll besetzten Bösendorfer-Saal in Wien, wesentliche Merkmale eines neuen Selbstverständnisses der Arbeit der ORF-Religionsabteilungen seien die journalistische Unabhängigkeit von Kirchen und Religionsgemeinschaften, der Blick auf die Vielfalt der Religionen und religiösen Äußerungen sowie der Blick auf das Publikumsinteresse.

Lindner betonte in ihrem Vortrag zum Thema „Die Aufgaben des ORF angesichts des Phänomens Religion“, die Akzeptanz der ORF-Religionsprogramme in Radio, Fernsehen und Internet zeige: „Die Moderne, die sich als Epoche der Desillusionierung oder Entzauberung verstanden hat, und in der viele mit dem Verschwinden von Religion rechneten, hat sich geirrt. Religion, so antiquiert sie manchen schien, hat überlebt. Der Markt für Sinnvermittlung und Lebensorientierung boomt.“

Religionsjournalismus muss attraktiv sein

Moderner Religionsjournalismus müsse, so Lindner, attraktiv sein und sich am Interesse des Publikums orientieren. Für Religionssendungen gelten dieselben Anforderungen wie für alle anderen Programme des Massenmediums. „Wir müssen die Zielgruppe erreichen“, forderte die Generaldirektorin. Allerdings sei das nicht um den Preis der Banalisierung und Skandalisierung möglich. Wie Martin Luther müsse man „dem Volk aufs Maul schauen“. „Mag sein“, so Lindner, „dass der eine oder die andere erschrickt, wenn er die Ergebnisse hört oder sieht.“

Zu den spezifisch evangelischen Inhalten des ORF-Programms sagte Lindner, es falle auf, dass insbesondere Beiträge über die Diakonie, über Sozialeinrichtungen und gesellschaftspolitische Themen sowie Beispiele gelebten Glaubens und theologischer Reflexion journalistisches Interesse fänden. Dazu Lindner: „Das verwundert nicht. Zu Recht genießen die evangelische Diakonie und die katholische Caritas höchstes Ansehen in unserer sonst kirchen- und institutionskritischen Gesellschaft.“

ISSN 2222-2464