Meinungsforschungsinstitut untersuchte Wahlverhalten konfessionell gebundener Menschen

Ulram: Ergebnis der Nationalratswahl war so nicht voraussehbar – Starke ÖVP-Verluste bei Katholiken

Wien – Bei den Nationalratswahlen hat die ÖVP bei der katholischen Stammwählerschaft stark verloren. Dies zeigt eine Erhebung des Fessel-GfK-Instituts, die Mittwochabend im Verband der Katholischen Publizisten präsentiert wurde. Wählten im Jahr 2002 noch 46 Prozent der österreichischen Katholiken die ÖVP, so entschieden sich diesmal nur 39 Prozent für die Volkspartei, berichtete Univ.-Doz. Dr. Peter A. Ulram, Dozent für Politologie an der Universität Wien und Leiter der Politikforschung bei Fessel-GfK. Die Meinungsforschung habe das Ergebnis der Nationalratswahl „nicht vorausgesehen, kein Institut hat dieses Ergebnis auf Platz 1 gehabt“.

Am Wahltag, dem 1. Oktober, hatte das Institut eine bundesweite Wahltagsbefragung vor der Verkündigung des Endergebnisses der Wahl telefonisch durchgeführt. Daran nahmen nach Aussage von Ulram 1982 Personen teil. Unter den Befragten waren auch rund 60 Protestanten, das sind etwa drei Prozent der Interviewten. Von ihnen haben 39 Prozent die SPÖ, 25 Prozent die ÖVP, 12 Prozent die Grünen, 14 Prozent die FPÖ und 5 Prozent das BZÖ gewählt. Fünf Prozent entfielen auf Hans-Peter Martin und andere Parteien, wobei dazu auch die ungültigen Stimmen gezählt wurden, erklärte Ulram. Diese Werte seien wegen der geringen Zahl von Protestanten, die am telefonischen Exit Poll teilnahmen, aber nur tendenziell aussagekräftig, so der Meinungsforscher.

Unter den katholischen WählerInnen gaben 33 Prozent der SPÖ, 39 Prozent der ÖVP, 8 Prozent den Grünen, 9 Prozent der FPÖ, 4 Prozent dem BZÖ und 7 Prozent Hans-Peter Martin und anderen Parteien ihre Stimme.

Den stärksten Rückgang gab es laut Fessel bei den regelmäßigen katholischen Kirchgängern, nämlich von 69 Prozent im Jahr 2002 auf 57 Prozent. Die Stimmen der traditionellen ÖVP-Stammwählerschaft gingen dabei vor allem an die Grünen und die FPÖ, signifikant ist auch der Abgang an die Nichtwähler. Der Anteil der SPÖ-Wähler unter den Katholiken veränderte sich mit 33 Prozent im Vergleich zu 2002 (34 Prozent) kaum.

Personen ohne religiöses Bekenntnis entschieden sich mit 40 Prozent für die SPÖ, mit 18 Prozent für die Grünen. ÖVP und FPÖ lagen mit jeweils 15 Prozent auf Platz 3.

Nicht sonderlich aussagekräftig sind laut Ulram die Daten über das Wahlverhalten anderskonfessioneller Wahlberechtigter (orthodoxe Christen, Muslime, Juden u.a.), da diese Untergruppe in der Befragung nur in kleinerer Anzahl vertreten sei und daher große Schwankungsbreiten angenommen werden müssen. Laut den vorliegenden Daten stimmten mehr als die Hälfte dieser Gruppe für die SPÖ, 15

Prozent für die Grünen, die ÖVP liegt an dritter Stelle. Über das Stimmverhalten speziell der im Wahlkampf häufig thematisierten Muslime liegen keine verlässlichen Daten vor, sagte Ulram.

Der Meinungsforscher bezeichnete die vergangene Nationalratswahl als „eine Wahl gegen jemanden und gegen etwas“. Sie wäre „keine Wahl für jemanden oder für etwas“ gewesen. Die „Unzufriedenheitspunkte“ bei den WählerInnen waren nach Meinung Ulrams „die Regierungsunzufriedenheit, die Renten- und Pensionsreform, die Themen Bildung, AusländerInnen und die Europapolitik. Der Politologe sprach auch den „Negativ-Wahlkampf“ an: „Hier gibt es keine Beschränkungen mehr.“

ISSN 2222-2464