Maria auf Evangelisch

Die Schutzmantelmadonna aus der römisch-katholischen Filialkirche Gerlamoos in Steinfeld in Kärnten, gemalt im 15. Jahrhundert von Thomas von Villach. Foto: wikimedia/Rollroboter/cc by sa 3.0
Die Schutzmantelmadonna aus der römisch-katholischen Filialkirche Gerlamoos in Steinfeld in Kärnten, gemalt im 15. Jahrhundert von Thomas von Villach. Foto: wikimedia/Rollroboter/cc by sa 3.0

Maria Katharina Moser über ein Vorbild des Glaubens

Der 8. Dezember ist ein katholischer und ein gesetzlicher Feiertag. Viele verbinden ihn mehr mit Weihnachtseinkäufen und der Debatte darum, ob Geschäfte an diesem Tag geöffnet haben sollen, als mit seinem Inhalt: Mariä Empfängnis. „Für euch Evangelische ist diese Diskussion wahrscheinlich nicht wichtig, ihr habt ja keine Marienfeiertage“, meinte kürzlich meine katholische Freundin Silvia. „Apropos: Findest du nicht schade, dass Maria keine Rolle spielt in der evangelischen Kirche? Wo es doch so wenige weibliche Gestalten gibt in der christlichen Frömmigkeit.“

Es stimmt. Maria wird von vielen Evangelischen als „katholisch“ empfunden. Dabei war Martin Luther ein Marienfreund. Was ihn gestört hat, war die überbordende Marienfrömmigkeit, die Maria zur Himmelskönigin erhoben und als Fürsprecherin gesehen hat, die den zornigen Gott gnädig stimmen soll. Wie im zur Zeit Luthers populären Bild der Schutzmantelmadonna: Maria mit weit ausgebreitetem Mantel, unter dem alle Menschen, jung und alt, wichtig und unwichtig, Papst und Bettelmann, Schutz suchen. An Mariens Mantel prallen die Pfeile ab, die Gottvater oder Christus als Strafe auf die sündigen Menschen schleudert. Luther ist mit dieser Frömmigkeit aufgewachsen – und hat unter ihr gelitten. „Wenn ich den Gekreuzigten sah, erschrak ich so, dass ich lieber den Teufel gesehen hätte. Darum bin ich Maria unter den Mantel gekrochen“, schreibt er im Rückblick auf seine Zeit im Kloster. Im Studium der Bibel hat Luther erkannt: Gott liebt mich, so wie ich bin. Gott nimmt mich an, als Sünder, und spricht mich gerecht. Ich muss und kann mir die Liebe Gottes nicht verdienen. Und ich kann mich direkt an Christus wenden, ohne Umweg über Maria. Ich stehe ich unmittelbar vor Gott, als Einzelner und mit dem Selbstbewusstsein des Gläubigen, der keine Fürsprecherin braucht.

Maria ist dadurch keineswegs überflüssig. Aber das Marien-Bild wird ein anderes: nicht die Himmelskönigin, sondern die Mutter Jesu, die „niedrige Magd“, die sagt: „Mir geschehe nach deinem Willen“. Gerade durch ihre Vermenschlichung wird Maria für Luther zum Vorbild des Glaubens. Und was die Bibel über Maria erzählt, rückt in den Vordergrund: die Frau, die Gott besingt, der auf die Niedrigkeit seiner Magd schaut und barmherzig ist.

Diese Maria ist mir wertvoll. Ich stelle mir vor, wie Maria den Schutzmantel ablegt und sich neben die stellt, die sich darunter verkrochen haben. Papst und Bettelmann, jung und alt, Frauen und Männer – sie alle stehen nebeneinander auf Augenhöhe und miteinander vor Gott. Und unter ihnen Maria, die laut das Lied anstimmt von Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, und die alle einlädt mitzusingen.

Schlagworte:

ISSN 2222-2464