Margot Käßmann: „Fundamentalismus mag Bildung nicht“

Martin Luther ging es um einen gebildeten Glauben, meinte Reformationsbotschafterin Margot Käßmann bei der Abschlussveranstaltung zum Jahr der Bildung. Foto: epd/Uschmann
Martin Luther ging es um einen gebildeten Glauben, meinte Reformationsbotschafterin Margot Käßmann bei der Abschlussveranstaltung zum Jahr der Bildung. Foto: epd/Uschmann

Abschlussveranstaltung zum Jahr der Bildung – Bilder unter foto.evang.at

Wien (epdÖ) – Mit einem großen Abschlussevent wurde das Jahr der Bildung 2015 der Evangelischen Kirchen offiziell beendet. Zahlreiche Gäste aus ganz Österreich kamen am 4. Dezember ins Wiener Albert Schweitzer Haus, um das Schwerpunktjahr Revue passieren zu lassen. Den Festvortrag hielt die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann.

In ihrem Vortrag ging die frühere Bischöfin und Ratsvorsitzende auf den Zusammenhang von Reformation und Bildung ein. „Vielleicht ist es einer der wichtigsten Beiträge der Reformation, dass es ihr um gebildeten Glauben geht, einen Glauben, der verstehen will, nachfragen darf, auch was das Buch des christlichen Glaubens betrifft, die Bibel“, betonte Käßmann. Martin Luther, aber auch den anderen Reformatoren wie etwa Martin Bucer, Philipp Melanchthon, Ulrich Zwingli oder Johannes Calvin sei Bildung ein zentrales Anliegen gewesen. So wollte Luther etwa Bildung zum Programm machen. „Luther ging es in der Wahrnehmung der ‚Freiheit eines Christenmenschen‘ darum, dass jede Frau und jeder Mann eigenständig den Glauben an den dreieinigen Gott bekennen kann und verstehend das Bekenntnis zu Jesus Christus bejaht. Die Voraussetzung für einen mündigen Glauben war für Luther, dass jede und jeder selbst die Bibel lesen konnte und so gebildet war, dass er den Kleinen Katechismus, das Bekenntnis für den alltäglichen Gebrauch, nicht nur auswendig kannte, sondern auch weitergeben konnte und damit sprachfähig im Glauben war“, erklärte Käßmann. Letztlich sei es Luther um Bildungsgerechtigkeit und Bildungsteilhabe gegangen. „Das bleibt hochaktuell. Auch heute. Bildungsgerechtigkeit ist wieder in Frage gestellt in unserer Gesellschaft in Deutschland und Österreich, wenn die soziale Herkunft den Schulabschluss bestimmt. Und ein kritisches Verhältnis zur eigenen Religion ist angesichts des aufkeimenden Fundamentalismus hochrelevant“, zeigte sich Käßmann überzeugt. „Denken, Reflektieren, Nachdenken, Verstehen und Fragendürfen“ blieben nach wie vor wichtige reformatorische Anliegen. „Fundamentalismus – ob jüdischer, christlicher, islamischer oder hinduistischer Prägung – mag Bildung und Aufklärung nicht“, sagte Käßmann. Jedweder Ausprägung von Fundamentalismus stelle sich eine Kernbotschaft der Reformation entgegen: „Selbst denken! Frei bist du schon durch die Lebenszusage Gottes. Im Gewissen bist du niemandem untertan und unabhängig von Dogmatik, religiösen Vorgaben, Glaubensinstanzen.“

Die Abschlussveranstaltung zum Jahr der Bildung bot auch reichlich Gelegenheit, auf mehrere Projekte des Schwerpunktjahres zurückzublicken. Von regionalen Initiativen berichtete exemplarisch Susanna Hackl, die im burgenländischen Team zum Jahr der Bildung mitarbeitete. Eine Mappe mit Projektideen sollte den Pfarrgemeinden „Lust auf Bildung machen“, eine eigene Publikation stellte erstmals die Geschichte evangelischer Bildung im Burgenland dar. Generell habe es, so Hackl, „noch nie so viele Bildungsveranstaltungen wie in diesem Jahr“ gegeben.

Die Brücke vom Jahr der Diakonie 2013 zum Jahr der Bildung 2015 schlug ein Projekt in Niederösterreich. In 18 Pfarrgemeinden bieten Ehrenamtliche inzwischen Deutschkurse für jährlich rund 1000 Asylwerber an. Da Asylwerber keinen Rechtsanspruch auf Deutschkurse haben, werde hier die „unglaubliche Zeit der Hoffnungslosigkeit und des Nichtstuns“ genutzt und Menschen so die Möglichkeit geboten, „an ihrer eigenen Zukunft mitzuarbeiten“, sagte NÖ-Superintendentialkuratorin Gisela Malekpour.

Dass die Evangelische Kirche 1998 Luthers antisemitische Schriften verworfen habe, bezeichnete der Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Martin Jäggle, bei der Abschlussveranstaltung als „Pioniertat“. Dabei sei es jedoch nicht geblieben, zehn Jahre später wurde Bilanz gezogen, nun zeigten ein Symposium und eine Ausstellung in Salzburg und Wien über den Judenhass Luthers „Facetten, die viele gar nicht für möglich gehalten haben“. Daraus ergebe sich die Verpflichtung, Luthers Schriften „immer kritisch zu lesen“, schloss der für den Bereich Bildung verantwortliche Oberkirchenrat Karl Schiefermair, der auch durch den Abend führte. Dass die Ringvorlesung zum Jahr der Bildung „zahlreiche positive Lerneffekte“ geboten habe, daran erinnerte Bildungswissenschaftler Henning Schluß.

Bildung kann ein Kompass sein, das eigene Können brauche jedoch auch Bedingungen, dieses einzusetzen, meinte der Sozialexperte der Diakonie Martin Schenk-Mair. „Wenn es etwa zu wenig Jobs gibt, nutzt die ganze Bildung nichts“, so der stellvertretende Diakonie-Direktor. Die jüngste Bildungsreform beurteilt Christian Friesl von der Industriellenvereinigung differenziert: „Wir müssen mehr über Bildungsziele reden und nicht darüber, wie sich Schulen in Bundesländern organisieren.“ Zwar gebe es durchaus „einige gute Ergebnisse“, etwa mehr Förderung in der Volksschule oder mehr Autonomie für die Schulen, es stehe jedoch „noch mehr aus, als erbracht wurde“. Einen kritischen Blick auf das Privatschulwesen warf die Leiterin der Evangelischen Volksschule Wien-Leopoldstadt, Valerie Gartner. Um Luthers Forderung nach Bildungsgerechtigkeit zu entsprechen, sollten Privatschulen etwa einen verpflichtenden Anteil von Kindern aus sozial schwächeren Schichten aufnehmen, empfahl die Volksschuldirektorin.

Im Jahr der Bildung standen nicht nur Bildungsveranstaltungen in Österreich auf dem Programm. Elisabeth Pausz, Referentin für kirchliche Partnerschaften, berichtete über eine Ghana-Reise. Anne-Kathrin Wenk, Bildungsreferentin im Kirchenamt, erzählte von einer spannenden Thüringen-Reise. Antje Katrin Honis, Standortleiterin der Johann Sebastian Bach Musikschule betonte, wie wichtig Musik für den protestantischen Bildungsbegriff sei. Inge Janda, Umweltbeauftragte der Diözese Niederösterreich, hob den Zusammenhang zwischen Bildung und Klimaschutz hervor.

Oberkirchenrat Karl Schiefermair, der das Jahr der Bildung koordinierte, bedankte sich bei allen Pfarrgemeinden, ReligionslehrerInnen, PfarrerInnen sowie kirchlichen Werken und Einrichtungen, aber auch bei seinen engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Unterstützung. Bischof Michael Bünker dankte seinerseits dem Oberkirchenrat für seinen umfassenden Einsatz in der Begleitung dieses Schwerpunktjahres.

Für die musikalische Gestaltung des Abends sorgten die „Hot And Cool Strings“ und das Holzbläserensemble der Johann Sebastian Bach Musikschule. Das Jahr der Bildung 2015 wurde von der Evangelisch-lutherischen, der Evangelisch-reformierten und der Evangelisch-methodistischen Kirche getragen. Es diente der Vorbereitung auf das Jahr 2017, das Reformationsjubiläum.

ISSN 2222-2464