Körtner: Sonntage und Feiertage „wichtige soziale Einrichtung“

Arbeit ist "bestenfalls das halbe Leben", sagt der evangelische Theologe Ulrich Körtner. Daran erinnere das alttestamentliche Sabbatgebot und der christliche Sonntag. Foto: pixabay
Arbeit ist "bestenfalls das halbe Leben", sagt der evangelische Theologe Ulrich Körtner. Daran erinnere das alttestamentliche Sabbatgebot und der christliche Sonntag. Foto: pixabay

Kritik an Arbeitszeitflexibilisierung und „persönlichem Feiertag“

Wien (epdÖ) – Ein Plädoyer für gesamtgesellschaftliche Feiertage sowie den Beibehalt des freien Sonntags hat der evangelische Theologe und Ethiker Ulrich Körtner gehalten. In der Ö1-Sendereihe „Zwischenruf“ sagte Körtner am Sonntag, 19. Mai: „Die fortschreitende Flexibilisierung der Arbeitszeit mag zwar immer noch Erholungsphasen vorsehen. Aber wenn jeder zu anderen Zeiten frei hat, geht das zu Lasten des Familienlebens und anderer sozialer Kontakte.“ Der freie Sonntag sei daher nicht nur eine religiöse Institution, sondern „eine wichtige soziale Einrichtung und damit ebenso ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur wie gemeinsame Feiertage“. Das alttestamentliche Sabbatgebot und der christliche Sonntag hingegen erinnerten daran, dass Arbeit „bestenfalls das halbe Leben“ sei, so Körtner. Die Idee eines persönlichen Feiertages hingegen schade dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Als drastisches Beispiel führt Körtner die 72-Stunden Woche an, die unter anderem in der chinesischen IT-Branche unter dem Kürzel „996“ propagiert werde: „Arbeitsbeginn um 9 Uhr in der Früh, Arbeitsende um 9 Uhr am Abend – und das an sechs Tagen in der Woche.“ Das führe aber nicht nur zu Verlust von Zeit für die Familie, sondern letztlich auch zu gesundheitlichen Einbußen. „Inzwischen ist eine Variante der Formel 996 im Umlauf. Sie lautet 996icu. ICU steht für ‚intensive care unit‘, die Intensivstation, auf der man früher oder später landet, wenn man Woche für Woche und Monat für Monat bis zum Umfallen arbeitet.“

„Prekäre, ausbeuterische und krankmachende“ Arbeitsverhältnisse gebe es aber auch hierzulande. Und daran, so Körtner, seien nicht nur die Unternehmen schuld:  „Als Konsumentinnen und Konsumenten fördern wir schließlich selbst die prekären Arbeitsverhältnisse von Scheinselbstständigen in der Zustellbranche, vom Pizzaservice bis zum Paketzusteller.“ Die Proteste gegen die seit September 2018 per Gesetz erlaubte 60-Stunden-Woche seien jedoch lautlos verhallt.

Den Zwischenruf im Originalton finden Sie auf oe1.orf.at

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ISSN 2222-2464