Körtner: „Reformationsjubiläum ist Anlass zum Feiern“

"Das Glauben wirkende Evangelium gibt es immer nur als interpretiertes. Die Kirchen bilden unterschiedliche Interpretationsgemeinschaften", schreibt Ulrich H.J. Körtner in der aktuellen Ausgabe der "Zeitzeichen". (Foto: epdÖ/M.Uschmann)
"Das Glauben wirkende Evangelium gibt es immer nur als interpretiertes. Die Kirchen bilden unterschiedliche Interpretationsgemeinschaften", schreibt Ulrich H.J. Körtner in der aktuellen Ausgabe der "Zeitzeichen". (Foto: epdÖ/M.Uschmann)

Vielfalt der Kirchen kann als „göttlicher Reichtum“ gesehen werden

Berlin/Wien (epdÖ) – Für ein Feiern des Reformationsjubiläums 2017 und nicht nur für ein Gedenken an die Reformation spricht sich der Wiener evangelische Theologe Ulrich H.J. Körtner aus. „Das bevorstehende Reformationsjubiläum sollte zum Anlass genommen werden, sich auf die guten Gründe für evangelisches Kirchesein zu besinnen“, schreibt Körtner in einem Kommentar für die Zeitschrift „Zeitzeichen“ (Ausgabe 7/2014). 2017 jährt sich der Thesenanschlag Martin Luthers zum 500. Mal.

Den Kirchentrennungen, die in Folge der Reformation entstanden sind, kann Körtner auch Positives abgewinnen. Dass es heute unterschiedliche Kirchen gibt, deutet er als eine „Grundeigentümlichkeit des christlichen Glaubens“. Da dieser ein geschichtlicher Glaube sei, bedürfe er immer wieder neu der Interpretation. „Das Glauben wirkende Evangelium gibt es immer nur als interpretiertes, das heißt in einer Vielzahl möglicher Interpretationen und Interpretationen von Interpretationen. Die Kirchen bilden unterschiedliche Interpretationsgemeinschaften, deren Vielfalt als göttlicher Reichtum gesehen werden kann“, so der Theologe. Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass diese Pluralisierungsprozesse zu Trennungen geführt haben, die den Kirchen schweren Schaden zugefügt hätten.

War das Reformationsjubiläum im Jahr 1917 noch stark vom Ersten Weltkrieg geprägt und die Reformation als deutsche Angelegenheit verstanden worden, so sei heute das Bewusstsein gewachsen, dass „die Reformation keineswegs nur ein deutsches, sondern ein europäisches Ereignis mit weltweiter Ausstrahlung bis in die Gegenwart war“. Es sei daher wichtig und notwendig, 2017 nicht nur die Leistungen Martin Luthers, sondern auch die der anderen Reformatoren zu würdigen, etwa jene von Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Philipp Melanchthon oder Martin Bucer.

Körtner betont, dass die Reformation nicht nur zu Erneuerungen in Kirche und Theologie beigetragen hat, sondern auch die politische Geschichte und die Kulturgeschichte stark prägte. In ihrem Kern sei die Reformation eine Freiheits- und Emanzipationsbewegung gewesen, worauf auch der kürzlich veröffentlichte Grundtext der EKD mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“ hinweise, meint der Theologe.

Das kommende Reformationsjubiläum 2017 sollte aus Sicht Körtners jedenfalls in ökumenischer Verbundenheit begangen werden.Dazu empfiehlt er, die Geschichte der Reformation und Gegenreformation nicht nur als eine Geschichte der Trennung und Verwerfung, sondern auch als eine Geschichte ökumenischer Bemühungen zu sehen. Zwar könne man die ökumenischen Bestrebungen des 16. und 17. Jahrhunderts nicht mit jenen des 20. und 21. Jahrhunderts vergleichen. „Es kann aber der heutigen Ökumene guttun, sich auch an die ökumenischen Impulse und Impulsgeber der Reformationszeit zu erinnern“, schreibt Körtner in seinem Beitrag für „Zeitzeichen“.

ISSN 2222-2464