Körtner: Kontroverse über Evolutionstheorie weiter brisant

Wien, 5. Oktober 2005 (epd) – Die Kontroverse zwischen Katholischer Kirche und Evolutionstheorie hat nach Ansicht des evangelischen Theologen Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner nichts an Brisanz verloren. Zwar habe Papst Johannes Paul II. 1996 erklärt, die Evolution des Kosmos sei mehr als nur Hypothese, sagte der Professor für systematische Theologie am Freitag, 30. September, bei einer Veranstaltung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Körtner ergänzte, dennoch falle es führenden katholischen Vertretern noch immer schwer, das „Faktum der Evolution“ zu akzeptieren.

Der Theologe bezog sich dabei auf die vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn neu belebte Debatte über Glaube und Wissenschaft. Schönborn hatte in einem Beitrag für die „New York Times“ erklärt, Evolution könne kein „ungelenkter, ungeplanter Prozess von Zufallsvariation und natürlicher Selektion“ sein. Die Evolutionskritiker aus den Reihen der Katholischen Kirche stünden nicht allein, so Körtner. Verbündete fänden sie bei den als „Kreationisten“ bezeichneten fundamentalistischen Anhängern der biblischen Schöpfungsgeschichte sowie den Vertretern des „Intelligent Design“. Diese „pseudowissenschaftliche Theorie“ sei eine Art des Kreationismus.

„Intelligent Design“ findet seit einigen Jahren in den USA wachsende Verbreitung und neuerdings auch in Europa Anklang. Im Unterschied zum traditionellen Kreationismus, der die biblische Schöpfungsgeschichte wörtlich nimmt, leugnet diese Theorie nicht, dass sich die Erde über mehr als vier Milliarden Jahre hinweg entwickelt hat. Die komplexen Strukturen der Natur deutet sie allerdings als Beleg für das Wirken einer übergeordneten Intelligenz. Zu den produktiven Herausforderungen für das Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaften rechnete es Körtner, dass in der Evolution kein „intelligentes Design“ zu beobachten sei. Die Sichtweisen von Glauben und Naturwissenschaft auf die Wirklichkeit ergänzten sich bestenfalls. „Die biblischen Schöpfungsberichte sind keine naturwissenschaftliche Hypothese

über die Entstehung des Kosmos, sondern religiöse Poesie“, so der in Wien lehrende Theologe. Ihre Aussagen seien keine Sätze, die als richtig oder falsch zu beweisen seien.

ISSN 2222-2464