Körtner: „Evangelische Kirche muss Profil schärfen“

Eine "Sprachnot des Glaubens" ortet der evangelische Theologe Ulrich Körtner. Foto: M. Bukovics
Eine „Sprachnot des Glaubens“ ortet der evangelische Theologe Ulrich Körtner. Foto: M. Bukovics

Anliegen der Reformation neu „durchbuchstabieren“

Schlierbach (epdÖ) –„Die Kirche ist gefordert, das Profil des Christlichen wieder zu schärfen“, sagte der Wiener evangelische Theologe Ulrich H.J. Körtner bei seinem Vortrag zum Thema „Reformatorische Impulse für das 21. Jahrhundert“ am 1. September in Schlierbach. Körtner war als Referent bei der diesjährigen gesamtösterreichischen PfarrerInnentagung zu Gast, um im Vorfeld des Reformationsjubiläumsjahres 2017 auf die Aktualität der reformatorischen Botschaft hinzuweisen.

„Das drängende Problem der Kirche ist nicht ein Mangel an Spiritualität“, so Körtner vor den PfarrerInnen der drei Evangelischen Kirchen in Österreich. „Ich sehe das Problem in der Sprachnot des Glaubens.“ Körtner erinnerte an den ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, der in diesem Zusammenhang von einer Selbstsäkularisierung des Glaubens spricht. Von daher sei es notwendig, wieder elementare Fragen des christlichen Glaubens aufzugreifen und eine Antwort darauf zu finden. „Wer ist Jesus Christus für uns heute? Diese wichtige Frage wieder zu thematisieren ist eine Herausforderung für die Kirche.“ Das Profil der Kirche müsse an Jesus Christus als Heilsbringer geschärft werden, zeigt sich Körtner überzeugt. Es gehe nicht um eine vage Gottoffenheit, sondern um den in Jesus Christus offenbarten Gott. Von hier aus müsse die Identität von Glaube und Kirche bestimmt werden.

„Wir müssen die Grundprobleme der Reformation für die heutige Zeit neu durchbuchstabieren“, forderte der Theologe. So könnte heute die reformatorische Überzeugung „Allein aus Gnade“ als „Botschaft gegen die Übertribunalisierung der Gegenwart“ (Odo Marquard) verstanden werden. „Diese Übertribunalisierung kommt in der Medienwelt vor, in der Politik und in vielen anderen Bereichen des Lebens. Hier kann der Gedanke vom Jüngsten Gericht neu gedacht werden. Während menschliche Urteile niedermachen, will Gott uns im Jüngsten Gericht aufrichten.“

In diesem Zusammenhang betonte Körtner die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, wie sie in der Reformationszeit formuliert wurde. „Die Botschaft von der Rechtfertigung scheint obsolet geworden zu sein, weil die Angst vor dem Gericht Gottes verblasst ist. Weil Gott fehlt, ist an Stelle von Rechtfertigung die Rechthaberei der Menschen getreten“, analysierte Körtner. Die Botschaft von der Rechtfertigung sei heute aber aktuell wie eh und je und richte sich an den Menschen von heute, der sich im „Kampf um Anerkennung“ (Axel Honneth) befinde. „Im Kampf um Anerkennung werden die Menschen von der Angst vor Bedeutungslosigkeit getrieben.“ Körtner betonte, dass auch die Schuldfrage nicht einfach verschwunden sei. „Wir müssen auch von Sünde sprechen, vom verfehlten Gottesverhältnis, das sich manifestiert in einem verfehlten Verhältnis zu sich selber, zu seinen Mitmenschen und zur Schöpfung.“ Die Pointe der Rechtfertigung bestehe darin, dass Gott die Feindschaft zwischen Mensch und Gott überwunden hat und die Menschen trotz ihrer Sünden anerkenne. „Daraus lernen wir, uns als Geschöpf Gottes zu verstehen und so zu leben.“

Letztlich habe die reformatorische Botschaft heute nicht nur in Glaubensfragen Relevanz, sondern auch in ethischen Fragen. „Eine von der Rechtfertigungslehre her begründete Ethik ist recht verstanden eine ‚Ethik des Lassens‘“, erklärte Körtner. „Diese Ethik lässt Gott Gott sein und den Mitmenschen Mitmensch.“ Es gehe jedenfalls nicht darum, den Menschen zu verbessern. Aufgabe evangelischer Ethik sei es, „den Zusammenhang zwischen Freiheit, Liebe und Verantwortung zu erklären“.

ISSN 2222-2464