Körtner: Auch Christen können Stammzellforschung befürworten

Kritik an unklarer Haltung der EKD

Wien/Berlin (epd Ö) – Auch Christen können nach Ansicht des Sozialethikers Ulrich H. J. Körtner die Forschung an embryonalen Stammzellen befürworten. Die Bemühungen um Heilung mit der dafür nötigen Grundlagenforschung seien ein Gebot der Nächstenliebe, erklärte der evangelische Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien in einem Beitrag für das evangelische Magazin „Zeitzeichen“, das in Deutschland erscheint. Körtner forderte zudem bessere gesetzliche Regelungen als das derzeitige deutsche Stammzellforschungsgesetz.

Die Befürwortung der Forschung an embryonalen Stammzellen lasse sich durchaus mit unterschiedlichen ethischen Positionen zum Status des Embryos vereinbaren, fügte Körtner hinzu. Selbst wenn man bereits einer befruchteten Eizelle in der Petrischale den Status einer menschlichen Person zuerkennen wolle, „besteht keineswegs ein unauflösbarer Wertekonflikt zwischen Lebensschutz für den Embryo und Freiheit der Forschung im Dienste heutiger und künftiger Patienten“.

Körtner kritisierte in diesem Zusammenhang den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Zwar spreche sich dieser für eine einmalige Verschiebung des Stichtags im deutschen Stammzellforschungsgesetz aus, argumentiere aber „naturwissenschaftlich-pragmatisch“. Wenn die EKD ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wolle, sollte sie in dieser Frage auch theologisch für Klarheit sorgen, so der Sozialethiker.

Auch die EKD-Synode habe bislang nicht theologisch, sondern „politisch-pragmatisch argumentiert“. Ihre Haltung ist Körtner zufolge zudem widersprüchlich: Einerseits lehne die EKD die Zerstörung von Embryonen zur Gewinnung von Stammzelllinien für die Forschung ab. Andererseits halte sie aber eine Verschiebung des Stichtags im deutschen Stammzellforschungsgesetz für zulässig, wenn die derzeitige Grundlagenforschung aufgrund der Verunreinigung der Stammzelllinien nicht fortgesetzt werden könne.

Grundsätzlich erklärte Körtner zum Konflikt in der Stammzelldebatte, wer einen absoluten Schutz überzähliger Embryonen fordere, „gelangt zu der ethisch höchst fragwürdigen Konsequenz, sie unbefristet in tiefgekühltem Stickstoff zu konservieren“. Das sei aber kein Zustand, „der den Namen Leben verdient, sondern vielmehr eine perverse Form der Unendlichkeit, die dem Totsein gleichkommt“. Verglichen damit sei die Stammzellgewinnung eindeutig das geringere Übel. Körtner diagnostizierte zudem einen offenen Bruch zwischen der katholischen und evangelischen Position in dieser Frage.

ISSN 2222-2464