Käßmann: „Wir können sehr wohl feiern im Jahr 2017“

Vor ihrem Vortrag in Vöcklabruck besuchte Margot Käßmann das Evangelische Museum Oberösterreich in Rutzenmoos, das den Vortragsabend initiiert hatte. Im Bild gemeinsam mit der Leiterin des Museums, Ulrike Eichmeyer-Schmid, und der Figur der OÖ-Protestantin Dorothea Jörger, die in Briefkontakt mit Martin Luther stand. Foto: Karl Hüttenmeyer
Vor ihrem Vortrag in Vöcklabruck besuchte Margot Käßmann das Evangelische Museum Oberösterreich in Rutzenmoos, das den Vortragsabend initiiert hatte. Im Bild gemeinsam mit der Leiterin des Museums, Ulrike Eichmeyer-Schmid, und der Figur der OÖ-Protestantin Dorothea Jörger, die in Briefkontakt mit Martin Luther stand. Foto: Karl Hüttenmeyer

Margot Käßmann sprach in Vöcklabruck über die Bedeutung der Reformation heute

Vöcklabruck (epdÖ) – Kann das Reformationsjubiläum 2017 ein Grund zum Feiern sein? Sollte eine Kirche, die mit zurückgehenden Mitgliedszahlen, Spar- und Strukturdebatten zu kämpfen hat, überhaupt feiern? Und hat die Reformation vor 500 Jahren eigentlich heute noch Relevanz? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Margot Käßmann bei ihrem Vortrag in der evangelischen Kirche in Vöcklabruck am Samstagabend, 5. Dezember, wo die Botschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017 vor rund 450 Interessierten über die Bedeutung der Reformation sprach.

„Wir können sehr wohl feiern im Jahr 2017“, erklärte Käßmann gleich zu Beginn ihres Vortrags. Nichtsdestotrotz sei es wichtig, auch die Schattenseiten der Reformation, des Reformators Martin Luther und der vorangegangenen Reformationsjubiläen nicht zu vergessen. „Die Reformationsjubiläen und das Luther-Gedenken in Deutschland waren stets von ihrer Zeit geprägt“, erläuterte Käßmann. Ein solcher Rückblick müsse sensibel dafür machen, dass „Reformationsjubiläen heikle Zeitpunkte sind“. Es sei jedenfalls klar, dass das Jubiläum 2017 nicht zu einem Luther-Fest werden wird. „Die Reformation war eine breite Bewegung, die viele Jahrzehnte umfasste und von vielen Menschen betrieben wurde. Martin Luther ist die Symbolfigur.“

Käßmann erinnerte in ihrem Vortrag auch an die ökumenische Dimension des Jubiläums. „Es ist das erste Jubiläum nach 100 Jahren ökumenischer Bewegung.“ Darüber hinaus sei es auch das erste Jubiläum nach der Leuenberger Konkordie von 1973, mit der zwischen den protestantischen Kirchen innerreformatorische Spaltungen überwunden wurden. Trotz aller Differenzen können sich Reformierte, Lutheraner, Unierte und Methodisten auf der Grundlage der Konkordie gegenseitig anerkennen, die Ämter anerkennen und Abendmahl feiern. „Das Reformationsjubiläum kann die Leuenberger Konkordie als gelebtes Modell zur Überwindung von Spaltungen hervorheben“, hofft Käßmann. Gleichzeitig handle es sich aber auch um das erste Jubiläum nach dem Holocaust. Dies mache es notwendig, einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte zu werfen. „Leider ist auch Martin Luther ein abschreckendes Beispiel christlicher Judenfeindschaft“, so Käßmann. Umso notwendiger sei der jüdisch-christliche Dialog. Heute gelte für die Evangelische Kirche in Deutschland: „Wer Juden angreift, greift uns an“. Diese Einstellung sei aus einer „langen und bitteren Lerngeschichte für die Evangelische Kirche“ erwachsen. Insofern fordert Käßmann: „Zum Reformationsjubiläum 2017 muss der Dialog der Religionen sich als Anliegen des Protestantismus erweisen!“ Dies gelte für Juden genauso wie für den Dialog mit den Muslimen.

Um Sprachfähigkeit gehe es aber auch in Hinblick auf die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft. „Die Säkularisierung macht es schwerer, zu erklären, was Glauben bedeutet“, zeigt sich Käßmann überzeugt. „Viele Menschen haben sich abgewendet, ein immenser Glaubens- und auch Traditionsverlust ist im Land der Reformation zu verzeichnen. Viele Menschen haben keinerlei Bezug mehr zu Religion“, sagte die Reformationsbotschafterin. Hier sei es wichtig, dass die Kirchen der Reformation sich dieser Herausforderung stellen und an die Sprachkraft als reformatorisches Erbe anknüpfen, um Glauben zu vermitteln. Dies gelte auch und gerade für die Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Luthers Entdeckung, wonach vor Gott nicht die menschliche Leistung zähle, sondern allein der Glaube, sei heute für viele Menschen schwer verständlich, aber dennoch hoch aktuell. „In einer ökonomisch ausgerichteten Welt lässt sich die befreiende Erfahrung Luthers so beschreiben: Das Lebenskonto des Menschen ist vor Gott in den schwarzen Zahlen. Nichts, was der Mensch tut, denkt, beabsichtigt, kann es in die roten Zahlen versetzen.“ Das Reformationsjubiläum werde die Herausforderungen der Leistungs- und Erfolgsgesellschaft jedenfalls mutig zu formulieren haben, meinte die frühere Bischöfin und Ratsvorsitzende.

In ihrem Vortrag hervorgehoben hat Käßmann auch die Tatsache, dass es sich bei diesem Reformationsjubiläum um das erste handelt, bei dem Frauen in den meisten Evangelischen Kirchen im ordinierten Amt und als Bischöfinnen akzeptiert sind. Dass dies ein Kennzeichen der Evangelischen Kirchen ist, gelte es beim Reformationsjubiläum deutlichzumachen: „Das war und bleibt eine mutige Veränderung!“

Nach wie vor relevant sei die Botschaft der Reformation auch in Bezug auf Freiheit. „Luthers Freiheitsbegriff hat in der Weiterentwicklung zu mancher Freiheit heute geführt“, so Käßmann. Die Botschafterin bekräftigte die Notwendigkeit der Trennung von Staat und Kirche und sieht die freie Gesellschaft, in der wir heute leben, bereits in Martin Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ angelegt. Dies habe auch Konsequenzen für die aktuelle Zeit. „Nach der Erfahrung des Versagens der Kirche und auch ihrer Verfügbarkeit in der Zeit des Nationalsozialismus wurde gelernt, dass Kirche zum freien Wort greifen muss, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden.“

Der Vortrag von Margot Käßmann in Vöcklabruck wurde vom Evangelischen Museum Oberösterreich, von der Evangelischen Pfarrgemeinde Vöcklabruck und vom Evangelischen Bildungswerk OÖ veranstaltet. Zuvor hatte Käßmann gemeinsam mit Bischof Michael Bünker das Museum in Rutzenmoos besucht.

ISSN 2222-2464