Interreligiöser Dialog ist Bildungsfrage

Grundsatzdiskussion zum christlich-islamischen Dialog im Rahmen der Evangelischen Woche in Wien

Wien (epd Ö) – „Nur mit Hilfe von religiöser Bildung kann Religion etwas für die Gesellschaft leisten.“ Das erklärte die Professorin für Praktische Theologie und Religionspsychologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Dr. Susanne Heine, bei einem Podiumsgespräch zum Thema „Die im Vertrauen gereichte Hand – Christlich-muslimischer Dialog“ am 5. März im Wiener Albert Schweitzer Haus.

In der im Rahmen der 63. Evangelischen Woche vom Evangelischen Bildungswerk und der Evangelischen Akademie Wien veranstalteten Diskussion forderte die Theologin, die auch mit zahlreichen Veröffentlichungen über den Islam hervorgetreten ist, der Dialog zwischen Christentum und Islam müsse im Bildungsbereich geführt werden. Ergebnisse müssten sich niederschlagen „in einer sachgerechten Darstellung der jeweils anderen Seite gemäß deren Selbstverständnis“.

Allerdings könne es, so Heine, in einem Dialog nicht darum gehen, lediglich nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Entscheidend sei auch, „die Unterschiede, das Andere ins Auge zu fassen“. So sei zur Kenntnis zu nehmen, dass das Christentum und der Islam „einer ganz verschiedenen Logik“ folgten.

Religiöser Analphabetismus in Europa

In diesem Zusammenhang kritisierte die Theologin den „religiösen Analphabetismus“ in Europa: „In Gesprächen mit Politikern staune ich am meisten über deren religiöse Unbildung.“ Die Rednerin warnte auch vor einer „Verklärung der Aufklärung“ in Europa, in der sich eine „unglaubliche Arroganz“ zeige. Europäer hätten das Bestreben, andere Kulturen ihren Maßstäben zu unterwerfen. „Es gibt so etwas wie einen aufgeklärten Fundamentalismus“, sagte Heine.

„Viele Muslime wissen noch weniger über das Christentum als die anderen Dialogpartner über den Islam“, stellte auch die muslimische Journalistin und Lehrerin Mag. Lise Abid in der Diskussion fest. Zum generellen Ausgangspunkt des Dialogs erläuterte Abid, das Selbstvertrauen der Muslime sei „zutiefst erschüttert“, die große Masse der Menschen in den muslimischen Ländern fühle sich wirtschaftlich und politisch „an die Wand gedrängt“. In den westlichen Ländern wollten Muslime den Islam in einem europäischen Kontext leben, viele von ihnen hätten jedoch Angst um ihre religiöse und kulturelle Identität.

Abid: Kritik am Islam ist erlaubt

Abid, die kritisierte, dass mehr über Muslime gesprochen werde als mit ihnen, räumte ein, Ängste in der Gesellschaft müssten ernst genommen werden. Allerdings gebe es auch eine „Angstmache“, die jedoch von außerhalb der Religionsgemeinschaften komme. Kritische Fragen an die Muslime, so Abid, müssten erlaubt sein. Die Kritik dürfe jedoch nicht an die „Substanz der Religion“ gehen. Im Blick auf einen derzeit in Wien laufenden Gerichtsprozess, bei dem eine Angeklagte wegen ihrer Verschleierung ausgeschlossen wurde, lehnte Abid das Tragen der Burka als „nicht im Islam vorgeschrieben“ ab: „Muslimische Frauen haben daran gearbeitet, dies zu überwinden.“

Zur Frage der Religionspolitik in muslimischen Ländern erklärte die Rednerin, die in Europa lebenden Muslime empfänden die oft mangelnde Religionsfreiheit in ihren Herkunftsländern als „schmerzlich“, könnten sie jedoch kaum beeinflussen. Für Muslime stelle sich die Aufgabe, die Gründe zu erforschen, aus denen in islamischen Gesellschaften Menschenrechtsverstöße wie etwa Zwangsheiraten vorkommen.

Abid begrüßte das Wort der Synode der Evangelischen Kirche A.B. „Christ/innen und Muslim/innen“ aus dem Jahr 2007 und bezeichnete den interreligiösen Dialog als „sehr erfolgreich“. Das wichtigste Wort in diesem Dialog sei das Wort „Vertrauen“.

Unterschiedliche Logik von Christentum und Islam

Die Wichtigkeit, die „unterschiedliche Logik“ von Christentum und Islam zu begreifen, betonte der Wiener Islamwissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Rüdiger Lohlker. Muslime hätten eine andere Erfahrung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts als Europäer. Sie hätten Bilder von Unterdrückung und Kolonialismus präsent. Entscheidend sei der gegenseitige Respekt vor den religiösen Traditionen, zumal zahlreiche kulturelle und religiöse Querverbindungen bestünden. „Wir können nicht mehr isoliert über Europa und ‚die Anderen‘ reden“, sagte Lohlker, „Kirchengemeinden können hier Foren bieten, die humanistische Kreise nicht bieten können.“

„Dass der muslimisch-christliche Dialog, der ohnehin funktioniert, für die vielen Missverständnisse Allheilmittel sein kann“, damit rechnet die außenpolitische Redakteurin der Tageszeitung „Der Standard“, Dr. Gudrun Harrer, nicht. Harrer stört „das allgemeine Vordringen von Religion im öffentlichen Raum“. Angst bereite ihr, dass heute wieder darüber diskutiert werde, welche Religion die bessere, welche die schlechtere sei. Eine solche Debatte beschwöre liberale Werte, habe aber antiliberale Absichten. Die Vermischung ganz unterschiedlicher Dinge in der Religionsdebatte sei ein „Übel“.

Die Diskussion wurde moderiert vom Studienleiter der Evangelischen Akademie Wien, Pfarrer Mag. Roland Werneck.

ISSN 2222-2464