Internationales Symposion diskutierte Trends in der Schulentwicklung

ÖRKÖ-Vorsitzender Sturm: Bildung ist „kostbarer Prozess“ – Auftakt der Initiative „lebens.werte.schule“ – Leistungsprinzip und Bildungsideal

Wien (epd Ö) – „Bildung ist ein für alle Beteiligten kostbarer Prozess, bei dem es gilt, im aktuellen Lebensvollzug das Wesentliche und Bleibende zu erkennen und zu bewahren. Grenzen erfahren und überwinden, Neuem begegnen in Widerstand und Zusammenklang, das ist eine religiöse Dimension, ja Tiefe.“ Das sagte der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), Bischof i.R. Mag. Herwig Sturm, in seinem Grußwort zur Eröffnung des internationalen Symposions „Religiöse Dimensionen in Schulkultur und Schulentwicklung“ am 5. Mai am Campus Strebersdorf der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule in Wien (KPH). Dr. Thomas Krobath von der KPH erläuterte bei der Eröffnung, Ziel des Symposions sei es, die Vielschichtigkeit von Schulentwicklung aufzuzeigen: „Unsere besondere Perspektive ist die Frage nach der religiösen Dimension einer menschengerechten und pluralitätsfähigen Schulkultur.“

Der Begriff Schulentwicklung, so die Diplompädagogin am Comenius-Institut in Münster, Dietlind Fischer, in einem Vortrag, werde sei einigen Jahren verwendet „im Blick auf die einzelne Schule, die sich verändert, modernisiert, ihr pädagogisches Konzept ausgestaltet“. Dies habe Schulreformen neue Impulse gegeben. Dabei werde Religion „als ein wichtiger und nicht substituierbarer Modus der Weltbegegnung“ gesehen. Strittig sei, in welchen Formen Religion in der Schule einer multikulturellen und religiös pluralen Gesellschaft vorkommen soll.

Persönlichkeitsentwickung hat primären Stellenwert

Die Pädagogin verteidigte auf dem Symposion die umstrittene PISA-Studie der OECD zur Schulleistung 15-jähriger SchülerInnen. Die Studie habe die bildungspolitische Debatte belebt. Wichtig sei auch die Betonung der Lesefähigkeit der SchülerInnen. „Niemand darf in den Grundfähigkeiten zurückbleiben“, erklärte Fischer.

Wie der deutsche Erziehungswissenschaftler Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schönig von der Universität Eichstätt-Ingolstadt kritisierte, würden derzeit Schule und Beschäftigungssystem in einem „funktionalen Verhältnis“ gesehen. Es frage sich, „in welchem Ausmaß die schulische Bildung dabei selbst zur Ware und der schulische Anspruch, die Identitätsbildung der Schülerinnen und Schüler zu fördern, unterlaufen wird“. Solange die Bedeutung der Schule für die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen und für seine Bildung sowie für die Lösung der Probleme der Gesellschaft nicht den primären Stellenwert im öffentlichen Bewusstsein habe, bestehe, so Schönig, die Gefahr, „die falschen Stellschrauben der Schulentwicklung zu betätigen“.

Kritischer Umgang mit Evaluationsergebnissen

Lehrer auszurüsten „gegen die Feudalherren der Evaluation“, die versteckt Normen setzten, forderte der Pädagoge em.Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Wittenbruch, Münster, in einem Podiumsgespräch. Entscheidend sei, wie LehrerInnen Evaluationsergebnisse zur Verbesserung des Unterrichts nutzen können.

Den „ökonomischen Missbrauch“ der Evaluation kritisierte auch die Dekanin der KPH, DDr. Ulrike Greiner. Er sei für die hilfreiche Ausbildung von Bildungsstandards hinderlich. Zu fragen sei: „Welche Kompetenzen hat ein Mensch wirklich?“ Das werfe die Frage auf, was Kompetenz ist, da Kompetenzen nicht gemessen werden könnten. Greiner schlug vor, die Antwort in Paradoxien zu suchen. So sei zu beobachten, dass Menschen mit hoher Allgemeinbildung sich dennoch in den unterschiedlich-speziellen Anforderungen der Zeit zurechtfinden.

Für und wider das Leistungsprinzip

Dass Religionsunterricht leistungsorientiert und zugleich Anwalt von humaner Bildung sein solle, dafür trat Dr. Bernd Schröder, Universität Saarbrücken, ein. Schröder warnte davor, die Leistungsorientierung der Schule zu leugnen, an einem Bildungsideal sei jedoch festzuhalten.

Menschen müssten erfahren, „dass sie jemand sind und etwas können“, forderte dagegen der Wiener Religionspädagoge Univ.-Prof. Dr. Martin Jäggle bei der Diskussion. Die Schule benötige eine „Kultur der Anerkennung“, die nicht an Leistung gebunden sei. In einer derartigen Kultur seien „ganz andere Leistungen“ möglich.

Das internationale Symposion „Religiöse Dimensionen in Schulkultur und Schulentwicklung“, das von rund 300 TeilnehmerInnen besucht wurde und am 6. Mai mit zahlreichen Workshops zu Ende ging, wurde veranstaltet von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien (KPH), dem Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät und dem Institut für Religionspädagogik der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Das Symposion war ein Beitrag zum europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs und Auftakt der Initiative „lebens.werte.schule“, die für das Wahrnehmen religiöser Dimensionen in Schulkultur und Schulentwicklung sensibilisieren will. OrganisatorInnen des Symposions waren Dr. Thomas Krobath (KPH) und Univ.-Prof. Dr. Robert Schelander (Evangelisch-Theologische Fakultät) sowie die römisch-katholischen ReligionspädagogInnen Dr. Heribert Bastel (KPH), Mag. Edda Strutzenberger und Univ.-Prof. Dr. Martin Jäggle (Römisch-katholische Fakultät).

ISSN 2222-2464