Im Gespräch: „Nach mir die Sintflut…“

"Die Autofahrerin drückte auf die Hupe: Hier bin ICH! Ich will weiterfahren! Sofort! Ich zuerst – und nach mir die Sintflut!" Foto: pxhere
"Die Autofahrerin drückte auf die Hupe: Hier bin ICH! Ich will weiterfahren! Sofort! Ich zuerst – und nach mir die Sintflut!" Foto: pxhere

Julia Schnizlein über Egoismus und Aggression

Neulich wurde meine Freundin angehupt. Mitten auf der Straße. Nicht, weil sie attraktiv ist, sondern weil sie zu langsam war. Meine Freundin hatte eine Blinddarmoperation hinter sich und jeder, der im Erwachsenenalter schon einmal einen Unterleibseingriff hatte weiß, wie schmerzhaft jedes Lachen, jedes Husten und jeder Schritt dann ist. Meine Freundin war gerade dabei, im Schneckentempo den Zebrastreifen vor dem Spital zu überqueren, als eine Autofahrerin sie lautstark anhupte. Beweg dich gefälligst schneller – signalisierte sie ihr wild gestikulierend. Während ihr meine Freundin ein entschuldigendes Lächeln schenkte, ließ die andere die Autoscheibe herunter und schrie: „Schleich dich!“

Wie reagiert man auf so was? Meine Freundin entschied sich für ein stolzes Lächeln und trottete weiter. Trotzdem hinterließ das Erlebte einen Schmerz. Weil meine Freundin so eine Situation nicht zum ersten Mal erlebt. Sie arbeitet im Sozialbereich und weiß, wie es ist, wenn Hilflosigkeit auf Aggression stößt. Schwachheit mit Verachtung beantwortet wird. Freundlichkeit mit Spott. „Wo ist unser Mitgefühl geblieben?“, fragt sie. „Warum sehen so viele nur noch sich selbst? Und warum unterstellen sie ihrem Gegenüber immer das Allerschlechteste?“

Klar – die Autofahrerin konnte nicht wissen, dass meine Freundin gerade eine Operation hinter sich hatte. Aber es hätte ihr in den Sinn kommen können, dass ein junger Mensch, der vor einem Spital über den Zebrastreifen schleicht, wohl einen Grund dafür hat. Stattdessen drückte sie auf die Hupe: Hier bin ICH! Ich will weiterfahren! Sofort! Ich zuerst – und nach mir die Sintflut!

Es ist nicht leicht, in solchen Situationen ruhig zu bleiben. Nicht aus der Haut zu fahren und einfach zurückzuschreien. Sondern dem Gegenüber mit jener Freundlichkeit und Empathie zu begegnen, die man selbst sich wünscht. Und doch ist es wichtig! In einer Zeit, in der sich die Fronten unversöhnlich gegenüberstehen, in der sich die verbale Gewalt den Weg in unsere Mitte bahnt, wichtiger denn je! Jesus selbst hat es uns vorgelebt. Er hat die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt durchbrochen und nach dem Grundsatz gelebt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.“

Zugegeben: Die Fahnen der Nächstenliebe in Zeiten wie diesen hochzuhalten, kann anstrengend sein. Und zermürbend. Und kränkend. Und manchmal muss man sich an einer vertrauten Schulter ausheulen. So wie meine Freundin bei mir – an einem Herbstabend bei einem guten Glas Wein. Und trotzdem wollen wir genau so weitermachen. Wir wollen die um sich greifende Verrohung nicht unterstützen! Unseren Hass bekommt Ihr nicht! „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

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ISSN 2222-2464