Im Gespräch – „Friedensjägerin“

"Der Frieden stellt sich nicht von selbst ein, ja er scheint sich zu verstecken wie ein scheues Tier. Ihm nachjagen – das klingt widersprüchlich. Und doch ist der Friede etwas, worum wir kämpfen müssen." Foto: pixabay
"Der Frieden stellt sich nicht von selbst ein, ja er scheint sich zu verstecken wie ein scheues Tier. Ihm nachjagen – das klingt widersprüchlich. Und doch ist der Friede etwas, worum wir kämpfen müssen." Foto: pixabay

Maria Katharina Moser über positive Konflikte

Richtig erschöpft sei sie nach den Weihnachtsfeiertagen, meint Kerstin. „Und das liegt nicht am vielen Essen und dem guten Wein!“ Die Familienfeier war wie jedes Jahr. Um des lieben Friedens willen so tun, als wäre alles in Ordnung. Bloß nichts ansprechen, nur ja keine Konflikte. „Ich will ja nicht streiten“, sagt Kerstin. „Mir ist ein gutes Familienklima auch wichtig. Aber diese krampfhafte Harmonie …“

„Suche den Frieden und jage ihm nach.“ Dieser Vers aus Psalm 34 wird uns als sogenannte Jahreslosung, als biblisches Motto durch das kommende Jahr begleiten. Wenn die Bibel von „Schalom“ spricht, meint sie mehr als die Abwesenheit von Krieg oder Streit und etwas anderes als inneren Seelenfrieden. Unversehrtheit, Sicherheit, Gesundheit, Wohlergehen – all das schwingt mit, wenn Menschen einander den alten biblischen Gruß „Friede sei mit dir“ zurufen. Gottes Schalom meint ein gedeihliches Zusammenleben, ein Miteinander in Gerechtigkeit, umfassende Zu“frieden“heit. Diesen Schalom sollen wir suchen, diesem Frieden sollen wir nachjagen. Er stellt sich nicht von selbst ein, ja er scheint sich zu verstecken wie ein scheues Tier. Ihm nachjagen – das klingt widersprüchlich. Und doch ist der Friede etwas, worum wir kämpfen müssen. Schalom ist eben nicht zu verwechseln mit krampfhafter Harmonie und Stillhalten um des lieben Friedens willen. Wer gedeihlich zusammenleben will, muss Konflikte austragen. Ob in Familie oder Freundeskreis, ob in Kirche oder Gesellschaft – verschiedene Erfahrungen, Charaktere, Interessen, Wertvorstellungen und Glaubenssätze treffen aufeinander. Diese Konflikte sind nicht grundsätzlich negativ. Im Gegenteil, sie gehören zum Zusammenleben dazu und sind notwendig, damit wir uns weiterentwickeln können als Familie, als FreudInnen, als Kirche und als Gesellschaft. Wenn wir Konflikte abwehren oder verdrängen, eskalieren sie, brechen mit der zerstörerischen Kraft eines Lavastroms aus wie Magma, das sich verborgen im Erdinneren immer mehr erhitzt bis der Vulkan ausbricht. Wir müssen unsere Sinne schärfen, wachsam sein und Konflikte rechtzeitig und beherzt angehen, damit uns ihre Dynamik nicht überrascht und mitreißt. Das meint die Bibel, wenn sie sagt: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“

Ich werde Kerstin eine Postkarte mit der Jahreslosung schicken. Als Anregung für einen Neujahrsvorsatz. Vielleicht hält der Vorsatz bis zum nächsten Weihnachtsfest und Kerstin findet den Mut, untergründig schwelende Konflikte anzusprechen – damit aus dem „lieben Frieden“ Schalom wird. Das wird sicher anstrengend für Kerstin. Aber ihre nachweihnachtliche Erschöpfung wird dann, so hoffe ich, eine zu“frieden“e Erschöpfung sein.

Dr. Maria Katharina Moser ist Direktorin der Diakonie Österreich. Kontakt: ta.ei1566663779nokai1566663779d@nir1566663779otker1566663779id1566663779

Jeden Sonntag sind Pfarrerin Maria Katharina Moser, Vikarin Julia Schnizlein und Pfarrerin Ingrid Tschank in der „Krone bunt“ – Kolumne „Im Gespräch“ zu lesen. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von krone.at

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ISSN 2222-2464