Hilfsorganisationen warnen vor Pflegenotstand

„Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt“ ortet akute Probleme im Pflegebereich

Wien, 30. April 2002 (epd Ö) Vor einem „Pflegenotstand“ haben die Präsidenten von Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe am Montag, 29. April, gewarnt. Derzeit seien in Österreich 540.000 Menschen hilfs- und pflegebedürftig. Bis zum Jahr 2011 werde sich diese Zahl um ein Drittel auf knapp 800.000 erhöhen. Betreuungslücken gebe es jedoch bereits jetzt, warnten die Vertreter der Hilfsorganisationen, die sich in der „Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt“ zusammengeschlossen haben.

Diakonie: Partner, nicht Bittsteller

Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, kritisierte, dass sich die einzelnen Wohlfahrtsverbände gegenüber der öffentlichen Hand oft eher als Bittsteller denn als Partner fühlen müssten. Unsicherheiten und Unabwägbarkeiten bei der Übernahme staatlicher Leistungen durch die Wohlfahrtsträger würden dabei auf die Qualität der Dienstleistung durchschlagen. Als Beispiele nannte Chalupka zu spät bewilligte Förderverträge oder die verspätete Ausbezahlung von Fördergeldern. Der Grundsatz „Bezahlung bei Lieferung“ werde von der öffentlichen Hand nicht immer eingehalten. Die Zinsenbelastung durch notwendige Zwischenfinanzierungen müssten die Verbände tragen, so der Diakonie-Direktor.

Wenn Organisationen wie die Caritas immer mehr Aufgaben vom Staat übernehmen sollen, dann müssen dafür auch die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, forderte Caritas-Präsident Franz Küberl. Die Finanzierung vieler Pflegebereiche durch öffentliche Kostenersätze sei keineswegs gesichert. Küberl forderte deshalb eine bessere Absetzbarkeit von Spenden; dies signalisiere dem Spender, dass seine Gabe gesellschaftlich wichtig sei und auch von den politischen Verantwortlichen geschätzt und honoriert wird. Für die nächste Legislaturperiode präsentierte Küberl ein „steuerliches Experiment“: für das Experimentierfeld „Sozialbereich“ sollten die Spenden – mit einer bestimmten Obergrenze für private Haushalte und Unternehmen – absetzbar sein.

Die volle Finanzierung der medizinischen Hauskrankenpflege durch die Krankenversicherungsträger forderte Fredy Mayer, Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes. Derzeit würden vom gesamten Budget der Krankenkassen nur 0,11 Prozent (rd. 10,5 Millionen Euro) für medizinische Hauskrankenpflege ausgegeben. Weiters forderte Mayer, dass Pflegebetreuung für Angehörige als Dienstleistungsangebot in die Pflegeinfrastruktur integriert und auch finanziert werden müsse.

Bundesweit einheitliche Standards

Josef Weidenholzer, Präsident der Volkshilfe Österreich, forderte eine Vereinheitlichung von Berufsbildern im Gesundheits- und Sozialbereich. Derzeit sei der Bereich in hohem Maße durch uneinheitlich ausgebildete und damit unterschiedlich qualifizierte Mitarbeiter geprägt. Weidenholzer: „Im Sinne der Kundenorientierung ist die Sicherung von bundesweit einheitlichen Standards in der Qualität der Pflege und Betreuung ein vordringliches Anliegen“.

Faire Bedingungen für die Wohlfahrtsverbände mahnte Othmar Karas ein. Der Präsident des Österreichischen Hilfswerks wörtlich: „Wenn wir unsere Leistung zu erschwinglichen Preisen, flächendeckend und mit offenem und gleichberechtigtem Zugang für alle Bürger anbieten, was die Privatwirtschaft eben nicht kann, dann müssen wir auf entsprechende Bedingungen für unsere Arbeit pochen und sind auch auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen“.

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ISSN 2222-2464