Fünf Jahre Sozialwort: Sturm fordert menschenwürdigen Umgang mit Fremden

„Anliegen aktueller denn je“

Wien (epd Ö) – Zum fünften Jahrestag des gemeinsamen Sozialwortes haben Vertreter der Kirchen am Donnerstag, 27. November, in Wien eine positive Bilanz gezogen. Die Anliegen seien „aktueller denn je“, viele Initiativen im Sozialbereich konnten seit der Präsentation des Sozialwortes im Jahr 2003 umgesetzt werden, war der gemeinsame Tenor. Von der neuen Regierung erwartet sich der Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich, Altbischof Herwig Sturm, einen „menschenwürdigen“ Umgang mit Fremden. Im derzeitigen Regierungsprogramm vermisst der frühere lutherische Bischof konkrete Maßnahmen im Asylbereich „ohne die Menschenwürde Fremder zu belasten und zu beleidigen“. Der frühere lutherische Bischof erneuerte die Forderung der Kirchen nach einem Bleiberecht, es gelte, die Fragen der Integration „sachkundig zu lösen“. Zur Finanzkrise sagte der Altbischof wörtlich: „Dass die Profiteure eines ungeregelten Marktes endlich einmal draufzahlen, scheint eine höhere Gerechtigkeit zu sein.“ Die staatliche Milliardenhilfe kann Sturm als „Feuerwehraktion“ verstehen, als Konzept sei dies jedoch „tödlich“. Eine Grundsicherung, wie sie im Sozialwort angesprochen ist, könnte das soziale Klima nachhaltig verändern, ist Sturm überzeugt.

„Mutige Schritte in der Frauenpolitik“ fehlen im Regierungsprogramm, bemerkte die Direktorin der Evangelischen Akademie Wien, Waltraut Kovacic, der „Papamonat“ sei lediglich ein „Schrittchen“. Kovacic forderte eine weitergehende Wahrnehmung von heimischen Lebensrealitäten, denn: „Der Normösterreicher ist nicht der Vollbeschäftigte.“

Das Sozialwort habe die Kirchen durch das Thema der sozialen Verantwortung zusammengeführt und den Dialog zwischen Kirchen und Gesellschaft intensiviert, bilanzierte Sturm. Der Evaluierungsprozess sei nun abgeschlossen, das Sozialwort werde „weiterarbeiten“, denn die angesprochenen Fragen etwa der Integration, der Steuerpolitik oder der Sprache in der Politik seien „aktueller denn je“.

Beim Sozialwort hätten erstmals Kirchen des Westens und des Ostens gemeinsam die soziale Lage geprüft, erklärte der griechisch-orthodoxe Metropolit Michael Staikos. Die orthodoxe Kirche habe hier die Möglichkeit gehabt, „ihre Spiritualität auszudrücken, in der der Mensch im Mittelpunkt steht“. Das Sozialwort sei „kein Hirtenbrief von oben“, sondern von der Basis erstellt, und bleibe wichtiger „Kompass“, so der Metropolit.

Waltraut Kovacic unterstrich die elementare Rolle der Erwachsenenbildung als „Übermittlerin und Übersetzerin“ der Erkenntnisse und der Forderungen des Sozialwortes. Vieles sei umgesetzt worden, vieles warte noch. Dass die Forderungen „nicht Papier bleiben“, sei auch ein wichtiges Anliegen des Ökumenischen Forums christlicher Frauen, die bereits vor dem Sozialwort ihr „Sozialwort der Frauen“ formuliert hatten.

Auf die zahlreichen Initiativen, die durch das Sozialwort entstanden sind, verwies der Leiter des Sozialreferats der römisch-katholischen Diözese Linz, Severin Renoldner. Renoldner nannte hier u.a. die Sozialaktion „72 Stunden ohne Kompromiss“, in der sich Jugendliche freiwillig sozial engagieren, die Idee der Sozialverträglichkeitsprüfung, die Umstellung auf fair gehandelte Produkte im Bereich der landeseigenen Küchen in Oberösterreich, die „Klimabündnis“-Gemeinden oder die Aktion „Autofasten“.

Das Sozialwort sei kein Grundlagenpapier, sondern „Gewissensbildung in Richtung einer sozialen Verantwortung und Praxis“, sagte Pater Alois Riedlsperger, der frühere Leiter der Katholischen Sozialakademie. Kirchen und kirchliche Organisationen hätten sich hier vertieft und vernetzt. Die gute ökumenische Zusammenarbeit zeige sich bei der „Allianz für den freien Sonntag“, die von den Kirchen getragen wird, aber auch in zahlreichen Initiativen aus den Bereichen Behinderung, Bildung, Frauen, Integration, Jugend, Geld und Ethik oder Klimaschutz.

Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums informierten mehrere dieser Initiativen am Donnerstagnachmittag im Albert Schweitzer Haus über ihre Anliegen. Über „Die Politik Europas vor den gesellschaftlichen Herausforderungen“ wird bei der Jubiläumsfeier der frühere EU-Kommissar Franz Fischler sprechen.

ISSN 2222-2464