Evangelische Kirchen fordern Ausbau von Palliativmedizin

Thomas Wipf, Michael Bünker und Ulrich Körtner (v.l.n.r.) bei der Präsentation von "Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit"
Thomas Wipf, Michael Bünker und Ulrich Körtner (v.l.n.r.) bei der Präsentation von "Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit"

GEKE präsentiert Orientierungshilfe zu Fragen am Lebensende

Wien (epdÖ) – Als einen „deutlichen Appell zum Ausbau von Hospizwesen und Palliative Care“ versteht der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker die rund 100 Seiten starke Orientierungshilfe „Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit“ der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), die am Donnerstag, 25. August, bei einer Pressekonferenz in Wien präsentiert wurde.

Obwohl in Österreich von Seiten der Diakonie, aber auch der katholischen Ordensspitäler, viel gemacht würde, gebe es nach wie vor Handlungsbedarf, so Bünker, der Generalsekretär der GEKE ist. Für Verbesserungen im Bereich der Palliativmedizin tritt auch der evangelische Medizinethiker Ulrich H.J. Körtner ein, der dem GEKE-Fachkreis für ethische Fragen angehört und an dem Dokument mitgearbeitet hat. „Palliative Care und ihr Ausbau sind ein wichtiges Anliegen der Stellungnahme“, so Körtner. Die Bekämpfung von Schmerzen sei aus theologischer Sicht entschieden anzugehen, eine Zurückhaltung aus religiösen Gründen nicht zu tolerieren. Unter bestimmten Umständen könne auch eine palliative Sedierung – also eine Betäubung in einer von Fall zu Fall unterschiedlichen Tiefe zur Linderung von Schmerzen – befürwortet werden. Nichtsdestotrotz sei es nach wie vor ökumenischer Konsens, dass das Leben eine gute Gabe Gottes sei. Daraus ergebe sich, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde habe sowie das Recht auf Leben und darauf, dass dieses geschützt und geachtet werde.

Auch der Verzicht beziehungsweise der Wunsch nach Abbruch einer Therapie kann akzeptiert beziehungsweise notwendig sein. Jedoch sei es nicht das alleinige Ziel der Medizin, Menschen zu heilen. „Da, wo man kurativ nichts mehr machen kann, ist palliativ oft noch sehr viel möglich“, so der Medizinethiker. Probleme im Bezug auf Palliativmedizin sieht Körtner einerseits darin, dass Begriffe wie indirekte oder direkte Sterbehilfe oft ungenügend definiert seien und zu Verunsicherung speziell bei Medizinern führen würde. Andererseits warnt er davor, dass es trotz Palliative Care weiterhin Menschen geben wird, die ihr Leben beenden wollen.

Neben Palliativmedizin greift das Dokument auch die Themen Sterbehilfe, Selbsttötung und Beihilfe zum Suizid auf. Die Frage nach dem Tod würde die tiefsten Belange der menschlichen Existenz berühren und an Aktualität immer mehr zunehmen, ist Pfarrer Thomas Wipf, geschäftsführender Präsident der GEKE, überzeugt. „Die Medizin kann den Menschen das Sterben nicht ersparen.“ Mit dem Dokument beziehe die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa Stellung zu diesen Fragen, die letztlich eine Kernkompetenz der Kirche darstellen würde.

„Aus christlicher Sicht gibt es kein positives Recht auf Suizid“, erklärte Körtner. Gleichwohl sei es Aufgabe der Kirche, auch jene Menschen zu begleiten, die keinen anderen Ausweg sehen. Besonders Seelsorgerinnen und Seelsorger stünden vor der Aufgabe, den Menschen zu helfen, mit der Erfahrung des sinnlosen und sinnwidrigen Leidens umzugehen. Angesichts der politischen Debatte rund um das Thema Pflege und den ökonomischen Druck, dem pflegebedürftige Menschen in Österreich ausgesetzt sind, sei eine Diskussion über die Zulassung von Sterbehilfe verfrüht. Vielmehr müsse es „eine Kultur der Solidarität mit Sterbenden“ geben, die „sich auch in handfester Sozialpolitik“ niederschlagen soll, so der Medizinethiker. Dringenden Handlungsbedarf ortet Körtner bei der Finanzierung der Pflege, die derzeit ein Armutsrisiko darstelle.

Die Orientierungshilfe, die zuerst in englischer Sprache veröffentlicht wurde und nun auf Deutsch erschienen ist, soll Menschen bei einer eigenständigen ethischen Urteilsbildung helfen. Es ist das Resultat eines intensiven Konsultationsprozesses der GEKE-Mitgliedskirchen. Das Dokument verstehe sich als Diskussionspapier, im „interdisziplinären wie im ökumenischen Gespräch soll es Standard sein“, wünscht sich Bischof Michael Bünker. Es sei aus Sicht Körtners jedenfalls an der Zeit gewesen, dass sich die evangelischen Kirchen auf europäischer Ebene konzertiert zu Wort melden. Bei der Schrift handle sich aber um kein lehramtliches Dokument, dass für alle Mitgliedskirchen der GEKE verbindlich sei. Vielmehr soll es eine Anregung sein, an den im Dokument aufgeworfenen Fragestellungen weiterzuarbeiten, so Präsident Thomas Wipf.

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist ein Zusammenschluss von 105 lutherischen, reformierten und methodistischen Kirchen in 30 Ländern. Weitere Informationen zu „Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit“ sind im Internet unter www.atimetolive.eu zu finden.

ISSN 2222-2464