„Drogenmissbrauch im Alter wird oft unterschätzt“

Die Suchtvarianten im Alter reichen von bekannteren Süchten wie Rauchen, Alkohol und Medikamente bis hin zu weniger bekannten wie Drogen und Spielsucht. (Foto: Wikipedia/ U.S. Air Force photo,Senior Airman Michael J. Veloz)
Die Suchtvarianten im Alter reichen von bekannteren Süchten wie Rauchen, Alkohol und Medikamente bis hin zu weniger bekannten wie Drogen und Spielsucht. (Foto: Wikipedia/ U.S. Air Force photo,Senior Airman Michael J. Veloz)

22. Diakonie-Dialoge beschäftigten sich mit Sucht und Abhängigkeit im Seniorenalter

Salzburg (epdÖ) – Unter dem Titel „Sucht und Abhängigkeit – ein Balanceakt in der Seniorenarbeit“ beschäftigte sich ein Fachsymposion in Salzburg mit diesem komplexen Themenbereich, der für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seniorenarbeit eine zunehmende Herausforderung wird. Im Rahmen der 22. Diakonie-Dialoge trafen sich Mitarbeitende und Fachleute der Seniorenarbeit am 24. Juni in Salzburg, um sich darüber auszutauschen.

In seinem Grundsatzreferat „Sucht im Alter – Alter und Sucht“ gab Dirk K. Wolter, derzeit in Süddänemark tätig, einen umfassenden Überblick über Suchtvarianten im Alter, die von den bekannteren wie Rauchen, Alkohol und Medikamenten bis hin zu weniger bekannten wie Drogen und Spielsucht reichen. Anhand von Zahlen aus den USA, die weitgehend auch auf Österreich und Deutschland übertragen werden können, zeigte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie – Geriatrie, eine Zunahme der Suchtprobleme im Alter auf. Als Gründe dafür nannte er unter anderem die Beibehaltung von Konsumgewohnheiten, Veränderungen von Familienstrukturen, Preisverfall bei Alkohol sowie bessere Lebensbedingungen und Gesundheitsversorgung, die wiederum zu einer längeren Lebenserwartung bei Suchtkranken führen. Während im Alter Alkohol und Rauchen eher bekanntere und offensichtlichere Probleme sind, wird der Missbrauch von Medikamenten wie z.B. Opioiden als hochdosierte Schmerzmittel und Benzodiazepinen – etwa bei Angst- und Unruhezustände, Epilepsie, Schlafstörungen – oft noch unterschätzt. Neues Thema ist der Drogenmissbrauch als Phänomen, da erst in den letzten Jahren zunehmend Schwerstabhängige ins entsprechende Alter kommen. Hat der Alkoholkonsum in der Wohlstandsgesellschaft im Vergleich zu früher zugenommen, so ist dies auch im Alter zu beobachten, wobei dieser bei Frauen im Verhältnis mehr zugenommen hat, weil sich ihre Konsumgewohnheiten generell im 20. Jahrhundert stärker verändert haben. Auch über Spielsucht gibt es im Alter Erfahrungen, während die drei anderen sogenannten nicht stoffgebundenen Suchterkrankungen wie Online- und Computersucht, Arbeitssucht und Kaufsucht (noch) keine Rolle spielen.

Mit seinem Beitrag „Sie sind nicht allein!?“ setzte sich Andreas Kutschke (Mönchengladbach/D), Pflegefachmann und -wissenschaftler vor allem im Bereich Gerontopsychiatrie mit Abhängigkeit als Herausforderung für Mitarbeitende in der Seniorenarbeit auseinander. Er stellt fest, dass bisher Abhängigkeit von Medikamenten und Alkohol noch kaum Thema in der Seniorenarbeit war und auch in der Fachliteratur dazu noch wenig zu lesen sei. Daher gäbe es auch noch kaum Konzepte, wie mit Suchterkrankungen von Menschen im Alter in Senioreneinrichtungen umgegangen werden sollte. Häufig werden die Folgen des übermäßigen Alkohol- oder Tablettenkonsums von Angehörigen und Pflegekräften mit normalen Alterserscheinungen verwechselt oder im schlimmsten Fall wird die Sucht gar nicht wahrgenommen. „Menschen im Alter mit einer Suchtproblematik dürfen nicht das Gefühl haben, abgeschoben bzw. ausgegrenzt zu werden. Es braucht den direkten Kontakt und dafür auch sehr viel Einfühlungsvermögen, um auch die Betroffenen zu erreichen. Die Pflege muss hier stark sein“, betont Kutschke. Für den pflegerischen Umgang sind aus seiner Sicht erforderlich: ein hohes Maß an Geduld und kein Moralisieren, konsequentes, aber immer zugewandtes Handeln, die Familie miteinzubeziehen, die Lebensleistung anzuerkennen, nicht zu stigmatisieren, Vereinbarungen zu treffen, keine Sanktionen und nicht zuletzt kein Fatalismus. Und die Pflegekräfte brauchen hier Unterstützung durch spezielle Fortbildungsangebote.

Die Theologin Astrid Giebel von der Diakonie Deutschland/Berlin hielt in ihrem Vortrag „Zur Freiheit befreit – Spiritualität und Sucht“ fest, dass es eine Reihe von Studien gibt, die einen positiven Zusammenhang zwischen Spiritualität und einem positiv verlaufenden Genesungsprozess nachweisen. „Spiritualität ist ein in seiner positiven Wirkung unterschätzter Faktor in der Suchthilfe und sollte daher in Suchtberatung, Suchtbehandlung und Suchtselbsthilfe eine größere Rolle spielen. Wichtig ist, dass auch den Pflegekräften genügend Raum und Zeit zur Verfügung gestellt werden, damit sie spirituelle Angebote nutzen können“, ist Astrid Giebel überzeugt. Die teilweise vertretene Ansicht, „wer fromm ist, kann nicht suchtkrank werden“, sei jedoch ein großer Irrtum. Spiritualität ist sehr vielfältig und kann, je nach Herkunft, eine (unterschiedlich) religiöse oder religionslose bzw. atheistisch-humanistische Spiritualität sein. Und auch wenn Spiritualität heilsam sein kann, dürfen Menschen, die Spiritualität kritisch gegenüber stehen, keinesfalls unter Druck gesetzt werden.

Im Anschluss an die Referate bot das SOG.THEATER Wiener Neustadt, seit 15 Jahren bekannt für innovative Theaterformate und hochwertige theaterpädagogische Angebote, unter dem Titel „Das Theater mit der Sucht“ lebendige Reflexionen zum Thema. Der Nachmittag stand im Zeichen von Workshops, in denen die ReferentInnen und das SOG.THEATER die Inhalte ihrer Beiträge vertieften und den TeilnehmerInnen Gelegenheit zu Diskussionen und zu Erfahrungsaustausch ermöglichten.

ISSN 2222-2464