Dietrich Bonhoeffer und das Geheimnis Gottes

Eine Gedenkveranstaltung der Evangelischen Gefängnisseelsorge und des Justizministeriums

Wien, 1. Februar 2006 (epd Ö) – Im Zentrum des theologischen Denkens Dietrich Bonhoeffers steht der Begriff des Geheimnisses: Gott lebt im Geheimnis, er ist nicht allgemein begreiflich. Diese These zu Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers vertrat die Wiener Pfarrerin Dr. Ines Knoll in einem Vortrag bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstages des Theologen am 30. Jänner im Palais Trautson in Wien. In ihrem Vortrag zum Thema „Das Schweigen bei Dietrich Bonhoeffer“ sagte Knoll, die Theologie Bonhoeffers, der am 4. Februar 1906 geboren ist und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg von den Nationalsozialisten ermordet wurde, sei „als eine ethische zu definieren“.

Christusverkündigung habe für ihn „Schweigen vor dem Unbegreiflichen“ geheißen. Sein Verhältnis zur Sprache sei durchwegs kritisch gewesen, er habe das Schweigen „positiv bestimmt“. Daher spiele auch in Bonhoeffers Pastoraltheologie das Schweigen eine zentrale Rolle. Die Welt des modernen Menschen habe er als „geheimnislos und dekadent“ kritisiert. Demgegenüber, so Knoll, sei für Bonhoeffer „diakonisches Schweigen“ ein „anhörendes Schweigen“ gewesen. Seiner Kirche habe Bonhoeffer ein „qualifiziertes Schweigen“ empfohlen.

Bischof Sturm: „Eine unglaubliche Herausforderung“

Dass Bonhoeffer die „Diesseitigkeit“ des christlichen Glaubens betont habe, unterstrich der römisch-katholische Gefängnisseelsorger Hofrat Dr. Christian Kuhn in seinem Vortrag über „Dietrich Bonhoeffer und die Gefängnisseelsorge“. Den Glauben „hier und jetzt zu leben“ sei auch Aufgabe der Gefängnisseelsorge. Bonhoeffer habe sich dagegen verwahrt, „Menschen mit pfäffischen Kniffen auf die Seite der Kirche zu bringen“. Dazu Kuhn: „Kritiker sollten von ihren Institutionen, sei es Kirche oder Justiz, in Gold aufgewogen werden.“ Auch ein Staat, der im Gegensatz zum nationalsozialistischen System ein Rechtsstaat sei, sei vor menschlichen Unzulänglichkeiten nicht gefeit. In der Gefängnisseelsorge gehe es um die Beachtung der Würde eines jeden Einzelnen.

Als „unglaubliche Herausforderung“ bezeichnete Bischof Mag. Herwig Sturm bei der von der Evangelischen Gefängnisseelsorge Wien und dem Bundesministerium für Justiz organisierten Veranstaltung Bonhoeffers Weg „vom wissenschaftlichen Theologen zum engagierten Christen und hin zum Zeitgenossen, der für seinen Kampf gegen ein menschenverachtendes Regime sein Leben ließ“. „Wo sollte es dafür ein besseres Übungsfeld geben als im Raum der Justiz und des Strafvollzugs?“, fragte der Bischof im voll besetzten Großen Festsaal des Palais Trautson.

Bonhoeffer ist „Signal und Mahnung“

Für Sektionsschef Dr. Michael Neider vom Bundesministerium für Justiz, das im Palais Trautson untergebracht ist, ist Dietrich Bonhoeffer „ein Signal und eine Mahnung aus der wohl unmenschlichsten Zeit unserer Geschichte“. Seine Lebenshaltung sei eine Aufforderung zur Einhaltung des Prinzips der Humanität im Umgang mit Menschen im Strafvollzug. „Wir im Strafvollzug schöpfen neue Kraft, wenn wir Bonhoeffer lesen“, sagte der Sektionschef in seinem Grußwort. Der Wiener Gefängnisseelsorger Pfarrer Dr. Matthias Geist, der die Veranstaltung moderierte, verwies auf das Interesse, das Gefangene der Person Bonhoeffer entgegenbringen, und erklärte: „Die Identitätsfrage unter Gefangenen, die auch Bonhoeffer bewegte, ist heute keine andere als vor 60 Jahren.“

Den musikalischen Rahmen der Gedenkveranstaltung, bei der der Schauspieler Klaus Rott auch Texte Bonhoeffers aus dem Buch „Widerstand und Ergebung“ las, gestaltete das Ensemble Dominik Nostiz unter anderem mit Variationen des Bonhoeffer-Liedes „Von guten Mächten treu und still umgeben“.

ISSN 2222-2464