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Bundespräsident Fischer: Reformierte Kirche steht mit ihrem Einsatz für Benachteiligte in der Tradition Calvins

Festakt zum Calvin-Jubiläum

Wien (epd Ö) – „Calvin verdanken wir etwas von dem, was eine offene, humane und demokratische Gesellschaft ausmacht.“ Das erklärte Bundespräsident Heinz Fischer in seinem Grußwort beim Festakt zum 500. Geburtstag des Reformators Johannes Calvin am Montagabend, 15. Juni, in der reformierten Stadtkirche in Wien. Calvins Reformen hatten „ganz Europa stark beeinflusst“, so der Bundespräsident. Auch im 21. Jahrhundert sei Calvin eine „Persönlichkeit, von der man immer noch etwas lernen kann“.

Mit ihrem Einsatz für Benachteiligte und Schwache stehe die Reformierte Kirche in Österreich in der Tradition Calvins, betonte der Bundespräsident. Das komme auch in ihrer Anwaltschaft für Minderheiten oder ihrem Auftreten gegen Ausländerfeindlichkeit und Menschenhass zum Ausdruck. Auch der kirchliche Widerstand gegen das NS-Regime sei „- soweit vorhanden – stark von der Reformierten Kirche getragen gewesen“. Fischer würdigte auch Calvins Beiträge zur Formulierung der Menschenrechte, sein „weltzugewandtes Denken“ und seinen „Blick für die Mitmenschen“. Insgesamt, bilanzierte der Bundespräsident, habe der Genfer Reformator wichtige Impulse gesetzt, „die Welt menschengerechter zu gestalten“.

Landessuperintendent Thomas Hennefeld konnte beim Festakt in der reformierten Stadtkirche zahlreiche Repräsentanten der Evangelischen Kirchen in Österreich und aus dem benachbarten Ausland, der Ökumene, der Universität und des öffentlichen Lebens begrüßen. An dem Festakt teilgenommen haben auch die Präsidenten der islamischen und der buddhistischen Glaubensgemeinschaft.

Reformationshistoriker Campi: Genf als Vorbild für die Reformation

Dass Johannes Calvin sich dessen bewusst gewesen sei, stets mehr gefürchtet als geliebt zu werden, daran erinnerte der Zürcher Reformationshistoriker Univ.-Prof. Emidio Campi in seinem Festvortrag zum Thema „Gefürchtet und geliebt – Johannes Calvin 1509 – 2009“. „Andererseits“, so Campi, „hat er durch seine unermüdliche Tätigkeit als Theologe und Organisator die Genfer Reformation zur vollen Blüte geführt. Genf sollte als Vorbild für die Reformation in Europa dienen.“ Die aktuelle Bedeutung des Reformators angesichts der gegenwärtigen krisenhaften Situation beschrieb Campi mit den Worten: „Calvin ruft auch den heutigen Menschen dazu auf, zum rechten Maß zurückzufinden. Das ist des Menschen schöpferische Chance.“

Als die beiden wichtigsten Aspekte in Calvins Theologie nannte der Referent Calvins Lehre von der Kirche und seine Sozialethik. So soll, nach Campi, in Calvins Definition von Kirche – anders als im Luthertum – das Wort Gottes nicht nur gepredigt, sondern auch gehört werden. Das bedeute eine Gemeinde mündiger Christen. Campi: „Eine im Auftrag des Staates handelnde Kirche ist für Calvin unmöglich.“

Zu Calvins Sozialethik erläuterte der Kirchengeschichtler, Calvin habe sich ständig bemüht, Lehre und Leben in Übereinstimmung zu bringen. Während für den Reformator die Vorhersehung der Ausdruck des guten Willens Gottes gegenüber seinen Menschen gewesen sei, habe er die Ethik als Antwort des Menschen auf Gottes guten Willen verstanden. Calvin habe das Eigentum bejaht, er habe es aber mit der Pflicht zur gerechten Verteilung verbunden. So sei für den Reformator das Zinsnehmen lediglich unter restriktiven Einschränkungen zulässig gewesen.

Musikalisch gestaltete den Festakt zum Calvin-Jubiläum ein Gambenterzett der Johann-Sebastian-Bach-Musikschule mit Stücken französischer Meister aus der Zeit Calvins.

ISSN 2222-2464