Berlin: Barack Obama beim Kirchentag umjubelt

Vor dem Brandenburger Tor diskutierte Barack Obama mit Angela Merkel über Glaube und Politik. Foto: Nicolas Völcker / wikimedia
Vor dem Brandenburger Tor diskutierte Barack Obama mit Angela Merkel über Glaube und Politik. Foto: Nicolas Völcker / wikimedia

Open-Air-Diskussion mit Angela Merkel

Berlin (epdÖ) Das Brandenburger Tor ist für Barack Obama eine gewohnte Kulisse, schon als US-Präsident hielt er vor dem Berliner Wahrzeichen eine Rede. Am Donnerstag, 25. Mai, feierte Obama als Elder Statesman eine umjubelte Rückkehr bei einer Diskussion mit Kanzlerin Angela Merkel über Glauben und Politik auf dem Evangelischen Kirchentag.

Mit einem Plädoyer gegen Nationalismus und Intoleranz setzte er sich dabei von seinem Nachfolger Donald Trump ab. „Guten Tag“, begrüßte der Ex-Präsident die laut Veranstalter rund 70 000 Menschen auf Deutsch, die ihn mit lang anhaltendem Applaus und Jubelrufen empfingen. Zu Beginn plauderte Obama über die Monate seit dem Auszug aus dem Weißen Haus, endlich könne er wieder ausschlafen, außerdem mehr Zeit mit seiner Frau Michelle und den beiden Töchtern verbringen.
Obama warb bei den Kirchentagsbesuchern um Verständnis für die schwierigen Entscheidungen, die Merkel in der Flüchtlingspolitik zu treffen habe. Das „Ringen“ zwischen humanitärer Verpflichtung und staatspolitischer Verantwortung kenne er aus seiner eigenen Amtszeit, sagte er. „In den Augen Gottes verdient das Kind auf der anderen Seite der Grenze nicht weniger Liebe und Mitgefühl als mein eigenes Kind.“ Staats- und Regierungschefs von Nationalstaaten müssten aber auch rechtliche Zwänge, die Verantwortung für die Bürger und begrenzte Ressourcen berücksichtigen.

Merkel war zuvor von Teilen des Publikums ausgebuht worden, weil sie erklärt hatte, dass Flüchtlinge ohne Bleiberecht auch in ihre Heimat zurückgeschickt werden müssten. „Ich weiß, dass ich mich damit nicht beliebt mache“, sagte die Kanzlerin. Angesichts des „Dilemmas“ zwischen christlichem Mitgefühl und politischer Realität gehe es aber darum, „eine richtige Entscheidung“ zu treffen.

Der ehemalige US-Präsident rief in Berlin zum Einsatz für das Gemeinwohl auf. Er selbst habe die Hoffnung auf eine neue Generation, die sich um dieses Anliegen kümmere. Auch wenn er nun nicht mehr Präsident sei, wolle er „Menschen helfen, neue Anführer zu motivieren“, so das ehemalige Staatsoberhaupt mit Blick auf die „niederschmetternde“ Gewalt, die sich in Manchester gezeigt habe.
Weiter betonte Obama, die Welt wachse immer enger zusammen. Wenn es zu Kriegen und Konflikten komme, „können wir uns nicht hinter einer Wand verstecken“. Die Weltordnung befinde sich an einem „Scheideweg“ und müsse „aktualisiert“ werden angesichts von Fremdenhass, Gewalt und antidemokratischen Strömungen. Notwendig seien Investitionen in Konfliktprävention, Entwicklung und Klimaschutz, um den Menschen in den ärmeren Ländern Perspektiven zu bieten, so der frühere US-Präsident.

Unterdessen sah sich Obama bei den viel kritisierten Drohneneinsätzen in einer moralischen Zwickmühle: Einerseits würden bei diesen Angriffen auch Zivilisten getötet, andererseits müsse die Bevölkerung im eigenen Land vor Terrorgruppen geschützt werden. Der Ex-Präsident verteidigte die Ausweitung der Drohnenangriffe in seiner Amtszeit, die „präziser“ seien und weniger zivile Opfer verursachten als andere Formen der Kriegsführung.

Den Namen seines Nachfolgers nahm Obama während der eineinhalbstündigen Veranstaltung nicht in den Mund. Allerdings rief er dazu auf, sich gegen Fremdenhass, Nationalismus und Intoleranz einzusetzen. „Das ist eine bedeutende Schlacht, die wir kämpfen müssen“, sagte er und grenzte sich damit klar von Trumps „America First“-Politik ab.

Auch auf das Thema Religion und Glaube kam Obama zu sprechen. Er halte es für gut, immer „auch ein bisschen zu zweifeln“, so der Ex-Präsident. In den USA sehe er das Problem, dass Kompromisslosigkeit in Glaubensfragen manchmal in die Politik getragen werde. In einer Demokratie seien Kompromisse aber unumgänglich. Es sei wichtig und „wahre Stärke des Glaubens“, auch andere Meinungen zuzulassen, da niemand im Besitz der absoluten Wahrheit sei. „Jeder von uns sieht nur einen Teil der Wahrheit“, so Obama.

Merkel, selbst Tochter eines evangelischen Pfarrers, erklärte, sie fühle sich persönlich im christlichen Glauben gut aufgehoben. Dieser Glaube zeige ihr: „Es gibt etwas über mir, in mir, dass mich als Geschöpf Gottes verstehen lässt, mit Fähigkeiten, aber auch mit endlichen Fähigkeiten“, so die deutsche Kanzlerin. Dies alles lehre sie eine „gewisse Demut“ und gestatte ihr, nach Fehlern wieder nach vorn zu blicken. Denn die christliche Botschaft halte die Botschaft bereit, dass Fehler einen Menschen nicht vernichten könnten. Aus dem Glauben heraus sei bei ihr die Erkenntnis gewonnen, „dass ich mich einsetzen muss für die Würde des Menschen“. Eine klare Absage erteilte Merkel fundamentalistischen Tendenzen. Religion und Glaube dürften sich niemals so erheben, dass sich daraus „unterschiedliche Wertigkeiten“ für den einzelnen Menschen ergäben.

Eine Würdigung sprach Obama für die Arbeit der Lehrer aus. Er könne sich keinen wichtigeren Beruf vorstellen. Lehrer öffneten Kindern die Augen für die Welt. Zugleich kritisierte er, dass viele Lehrer zu wenig Respekt von der Gesellschaft und zu wenig Geld vom Staat bekämen. Kein Land der Welt könne es sich auf Dauer leisten, wenn ein hoher Prozentsatz an Kindern keine gute Ausbildung bekomme. Armut, Perspektivlosigkeit und eine höhere Anfälligkeit für Kriminalität und extreme Ideologien seien die Folgen. Deswegen gelte es, in Bildung und Schule zu investieren, so Obama, der selbst als junger Mann Kirchengemeinden in Chicago beim Arbeitstraining für Einwohner armer Stadtviertel unterstützte.

Mit Blick auf die von Trump angestrebte Demontage seiner Gesundheitsreform, die 20 Millionen Menschen eine Krankenversicherung ermöglicht hatte, warnte Obama: „Etwas von dem Fortschritt, den wir gemacht haben, ist nun in Gefahr.“ Auch Merkel erwähnte Trump am Brandenburger Tor mit keinem Wort. Direkt nach der Veranstaltung flog die Kanzlerin zum NATO-Gipfel nach Brüssel – um dort Obamas Nachfolger zu treffen. Die Kanzlerin und der Präsident bildeten jahrelang ein bewährtes Gespann auf der internationalen Bühne, auch wenn ihr Verhältnis keineswegs frei von Irritationen war. Beim Kirchentag lobte Obama die „herausragende Arbeit“ von Merkel, die während seiner Präsidentschaft eine seiner „Lieblingspartnerinnen“ gewesen sei.

Der vom 24. bis 28. Mai dauernde 36. Evangelische Kirchentag zählt zu den Höhepunkten des 500-jährigen Reformationsjubiläums. Insgesamt stehen rund 2500 Veranstaltungen auf dem Programm, darunter Gottesdienste, Bibelarbeiten, Diskussionsrunden mit Politikern, Vorträge, Konzerte und Ausstellungen. An dem fünftägigen Glaubensfest nehmen rund 140 000 Dauerbesucher sowie zusätzlich Zehntausende Tagesgäste teil. Den Abschluss bildet ein großer Gottesdienst am Sonntag in Wittenberg.

ISSN 2222-2464