Alles dreht sich um das ‚Ich’

Pfarrertagung in Gallneukirchen: Der Wertewandel und die Konfliktgesellschaft

Gallneukirchen, 30. August 2001 (epd Ö) „Das Ich ist heute die Basis des Wertekanons“ konstatierte Mag. Regina Pollak in ihrem Vortrag „Konfliktgesellschaft“ bei der Österreichischen Pfarrertagung, die vom 27. bis 30. August in Gallneukirchen stattfand. Pollak stellt in ihrem Vortrag die zweite Untersuchungswelle der Europäischen Wertestudie „Die Konfliktgesellschaft, Wertewandel in Österreich“ vor. Thema der Pfarrertagung war „Religion im Leben der Österreicher – Lässt sich der Heilige Geist durchleuchten?“

Die Universitätsassistentin weiter: „Zugleich gibt es einen Trend zum „Wir“, der sich in der Suche nach Ordnung, Sicherheit und Autorität zeigt.“ Niemand wolle sich mehr festlegen lassen, „es gibt nur mehr Minderheitenphänomene“. So entstünden „Konfliktzonen um die Frage: Wie können wir miteinander leben?“ Dies sei auf allen Ebenen zu beobachten, individuell in Beziehungen und auch auf der gesellschaftlich-politischen Ebene. Ebenso sei eine „gesellschaftliche Polarisierung“ festzustellen. Diese umfasse die Gruppen der „Traditionalisten“, der „Bürgergesellschaft“, der „Ego-Gesellschaft“ und die „verunsicherten Kleinbürger“. Seien letztere „autoritär und ich-orientiert“, so sind die „Traditionalisten“ eher „autoritär und wir-orientiert.“ Hier liege Konfliktpotential, ebenso wie zwischen der nicht-autoritären und wir-orientierten „Bürgergesellschaft“ und der nicht-autoritären und ich-orientierten „Ego-Gesellschaft“.

Die Religion erlebe derzeit zwar keinen „Boom“, gewinne aber doch an Bedeutung. Rund drei Viertel der Österreicher „verstehen sich als religiös“. Gegenüber 1990 seien hier Zuwächse von bis zu zehn Prozent zu bemerken.

Herausforderungen an die Kirche

„Die soziale Unsicherheit steigt, und das Individuum wird aus seinen kollektiven Lebensverhältnissen gelöst“ bilanzierte Pollak in ihrem zweiten Vortrag „Herausforderungen an die Kirche“ am 29. August die Konsequenzen aus der Wertestudie für die Religionsgemeinschaften. „Biographische Flickenteppiche entstehen“, und eine der Folgen davon sei, dass die Menschen heute „in ihrem Leben nicht mehr nur einen Pfarrer erleben, sondern inzwischen auch diese wechseln.“

Die Kirchen müssten „wahrnehmen, in welcher Gesellschaft sie eigentlich leben und wie sie sich den Menschen präsentieren.“

Wie jemand lebt, so glaubt er auch

Einer der Erklärungsansätze, die Pollak vorstellte, sieht „nicht mehr Schichten, sondern Milieus, nicht mehr das Einkommen, sondern die Bildung“ als maßgeblich an. Wie jemand lebe, so glaube er auch: „Ein Mensch aus dem ‘Unterhaltungsmilieu’ beispielsweise zeigt in seiner Religiosität eher okkultistische Merkmale, jemand aus dem ‘Selbstverwirklichungsmilieu’ ist eher in der Therapieszene anzutreffen.“

Religiosität und Solidarität verknüpfen

„Für uns von der Kirche ist die innere Haltung und wie wir der Welt begegnen entscheidend.“ Zentral dabei sei heute die Güte und die Aufgabe, „die Religiosität mit der Solidarität zu verknüpfen.“ Polak verwies auf „die Worthülsen, in denen viele in den Kirchen von Gott reden: das geht heute so nicht mehr.“ Bei einem Blick auf die Ressourcen der Kirchen „zeigen sich Kompetenzen wie etwa gesellschaftliche Visionen oder Rituale, die zunehmend an Bedeutung gewinnen.“ So gebe es nichts zu beklagen, wenn die Menschen „nur zu Weihnachten und Ostern in die Kirchen kommen, denn sie kommen Weihnachten und Ostern.“

ISSN 2222-2464