2017: „Mehr als kollektive Geburtstagsparty der Lutheraner“

Martin Luther - wichtiger aber nicht alleiniger Vater der Reformation (im Bild: Straßenschilder mit Luthers Namen; Foto: M.Uschmann/epdÖ).
Martin Luther - wichtiger aber nicht alleiniger Vater der Reformation (im Bild: Straßenschilder mit Luthers Namen; Foto: M.Uschmann/epdÖ).

Luther-Forscher Schilling, Margot Käßmann und Karl Schiefermair diskutierten über den „Erneuerer und Wegbereiter“

Wien (epdÖ) – „Die Veränderungen, derer wir 2017 gedenken, wären ohne Luther nicht möglich“, ist der Historiker Heinz Schilling überzeugt. Mit seiner Ablasskritik habe Luther 1517 das System der Papstkirche „im Zentrum getroffen“ und damit den ersten Dominostein zum Fallen gebracht. Am Dienstagabend, 2. Dezember warb der renommierte deutsche Luther-Forscher auf Einladung der Deutschen Botschaft in Wien für ein zeitgemäßes Verstehen Martin Luthers. Im Anschluss an den Vortrag diskutierte Schilling gemeinsam mit Margot Käßmann, EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum, und Oberkirchenrat Karl Schiefermair – er war kurzfristig für den erkrankten Bischof Michael Bünker eingesprungen – über den „Erneuerer und Wegbereiter“, aber auch über die Herausforderungen im Jubiläumsjahr 2017.

Schilling warnte, Luther für den Zeitgeist zu vereinnahmen und ihn „vorschnell zu dem Unsrigen zu machen“. Luther zu verstehen bedeute „das ganz Andere, das Fremde an seiner Person darzustellen“. Eine Biografie Luthers müsse mit einer sorgfältigen Zeitanalyse verzahnt werden. Für die dunklen Seiten seines Charakters und jenen Teil seiner Lehre, der heute als „unwürdig und menschenfeindlich“ erkannt werde, wie etwa seine judenfeindlichen Schriften, bedeute dieses „Begreifbarmachen“ eine Gratwanderung zwischen „Verständlichmachen einerseits und nicht akzeptabler Entschuldigung andererseits“. Luthers verbale Gewalt sei tief in seinem Charakter und dem Absolutsetzen seiner Wahrheit verwurzelt, so der Luther-Forscher. Die notwendige Entheroisierung bedeute auch, Luther von seiner Vorbildfunktion zu entlasten.

Schilling erinnerte bei seinem Vortrag im Palais Trautson auch an Luthers „große Fähigkeit als Seelsorger“, zum „Alltagsluther“ gehöre auch die Freude an Kunst und Literatur, „das Klischee vom bildfeindlichen Protestantismus trifft auf Luther nicht zu“. Ebenso sei es „absurd“, angesichts der „tiefen Liebe und des Respekts“ gegenüber seiner Frau Käthe Luther Frauenfeindschaft zu unterstellen. Luther und die von ihm angestoßene Reformation hätten entscheidend den Weg zu unserer heutigen Existenz geebnet und die Neuzeit „fraglos tief mitgeprägt“, sagte Schilling. So sei 2017 weit mehr als eine „kollektive Geburtstagsparty der Lutheraner“. Die zivilgesellschaftliche Dimension der Reformation gehe weit über Religion und Kirche hinaus, Luther und die Reformation seien daher auch „zentraler Teil des historischen und kulturellen Gedächtnisses anderer christlicher Konfessionen“. Schilling nannte in diesem Zusammenhang unter anderem die Überwindung des fundamentalistischen Religionsbegriffs, die Ausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen etwa im Bildungsbereich, die „nicht-obrigkeitliche Tradition“ oder die neue „Welthaftigkeit“ des Christentums: „Die Wende von der mittelalterlichen Leistungs- zur evangelischen Gnadenfrömmigkeit auf der Grundlage des Sola-gratia-Prinzips lenkte den Christenmenschen auf das ihm angemessene Handeln in der Welt.“ Davon habe auch die „Papstkirche profitiert“, demnach sei es angemessen, dass auch die Römisch-katholische Kirche Luther in seiner Leistung für ein neuzeitliches Christentum und für die neuzeitliche Kultur würdige.

Oberkirchenrat Karl Schiefermair erinnerte an Kardinal Christoph Schönborn, der heuer beim Ökumenischen Empfang von einem „gemeinsamen Feiern“ gesprochen habe. Margot Käßmann findet angesichts der Weiterentwicklung der Ökumene die Wortspaltereien um „Feiern“ oder „Gedenken“ „merkwürdig“. 2017 könne eine „wunderbare Befreiungsgeschichte“ gefeiert werden, „in ökumenischer Offenheit, aber im Bewusstsein, wer wir sind, mit unseren Überzeugungen“. Käßmann rief dazu auf, in der versöhnten Verschiedenheit die „kreative Kraft der konfessionellen Differenz“ wahrzunehmen. Schiefermair betonte, dass sich die drei Evangelischen Kirchen in Österreich gemeinsam auf das Jubiläumsjahr vorbereiten, schließlich könne die Reformation „nicht an Luther alleine“ festgemacht werden. Durch die Schwerpunktjahre auf dem Weg zu 2017 soll spürbar werden, wie die Reformation heute in die Gesellschaft wirke. Daher werde das Jahr der Bildung 2015 auch das spezielle evangelische Engagement in der Welt zum Ausdruck bringen. Luther dürfe 2017 jedenfalls nicht als „Nationalheiliger“ gefeiert werden. Schiefermair erinnerte auch daran, dass sich die Evangelische Kirche in Österreich 1998 in „Zeit zur Umkehr“ als eine der ersten klar von Luthers Antijudaismus distanziert habe, „ein bemerkenswertes Dokument“. Für Luther-Botschafterin Käßmann ist das Jubiläumsjahr 2017 dann erfolgreich, wenn es „nicht deutschtümelnd, sondern international mit weitem Horizont gefeiert und ein Schub für eine freie und mutige Kirche im 21. Jahrhundert“ freigesetzt wird. Oberkirchenrat Schiefermair hofft, dass es 2017 gelingt, die nach einer Gemeindebefragung zentralen Themen „Freiheit und Verantwortung“ „an die Türen zu heften“.

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ISSN 2222-2464