Wolfgang Lutz: „Die Zukunft liegt im Geist“

"Bildung ermöglicht überhaupt erst eine selbstbestimmte Existenz", sagte der Demograph Wolfgang Lutz auf dem Reformationsempfang. Foto: epd/Uschmann
„Bildung ermöglicht überhaupt erst eine selbstbestimmte Existenz“, sagte der Demograph Wolfgang Lutz auf dem Reformationsempfang. Foto: epd/Uschmann

Wittgensteinpreisträger sprach auf dem Reformationsempfang über Protestantismus, Bildung und Wohlstand

Wien (epdÖ) – Mit den positiven Auswirkungen von Bildung auf Wohlstand, Bevölkerungsentwicklung, Gesundheit und Klimaschutz beschäftigte sich der Wiener Demograph Wolfgang Lutz (Wirtschaftsuniversität Wien) bei seinem Festvortrag beim Reformationsempfang am 29. Oktober im Wiener ODEON-Theater. „Bildung ermöglicht überhaupt erst eine selbstbestimmte Existenz, sie ist Grundvoraussetzung für das komplexe Zusammenleben der Gesellschaft, und sie dient den höheren Zielen Freiheit und Gerechtigkeit“, betonte Lutz, der 2010 für seine Arbeit mit dem Wittgensteinpreis ausgezeichnet wurde, in seinem Festvortrag.

Angesichts aktueller Daten lasse sich deutlich der Zusammenhang zwischen Bildung und Wohlstand aufzeigen. So würden jene Länder, die eine hohe Alphabetisierungsrate aufweisen, also etwa die Länder Nordeuropas, aber auch Nordamerika wirtschaftlich besser dastehen. Hingehen gehe es Ländern, in denen Bildung eine untergeordnete Rolle spielt, wirtschaftlich deutlich schlechter. „Westliche Länder haben eine hohe Bildungsdividende eingefahren, Asien hat dann nachgezogen. In anderen Teilen der Welt ließ man diese Chancen bis heute ungenutzt, etwa in Afrika. Viele gehen nicht zur Schule, vor allem nicht Mädchen“, so Lutz. Im globalen Wettbewerb hätten diese Länder kaum Chancen, es gäbe keine Arbeitsplätze. Dies bringe in Folge hohe Kinderzahlen mit sich. „Die Unzufriedenheit, die dadurch entsteht, entlädt sich in sozialen Konflikten und Gewalt, die auch nationale Grenzen übersteigt.“ Letztlich ließen sich auch vermeintlich religiöse Konflikte auf das Bildungsthema zurückführen. „Organisationen wie der ‚Islamische Staat‘, Al Quaida oder Boko Haram lehnen Bildung ab. Boko Haram etwa hat Schulen zerstört. Sie brauchen eine ungebildete Bevölkerung, die sie als Kanonenfutter missbrauchen können“, sagte Lutz. „Das trennt vielmehr als der postulierte ‚Kampf der Kulturen‘.“

In seinem Vortrag ging Lutz auch auf die Ursachen für die unterschiedlichen Bildungsstände weltweit ein. Während im arabischen Raum die Technologie des Buchdrucks anfangs keine große Resonanz fand, gab es in Europa mit Martin Luther jemanden, der diese neue Möglichkeit im 16. Jahrhundert einer breiten Bevölkerung zugänglich machte. „Luther war es aus religiösen Gründen wichtig, dass alle eine gute Schulbildung erhalten, auch Mädchen und niedrige soziale Schichten.“ Dies habe in Folge auch zum wirtschaftlichen Erfolg dieser Regionen beigetragen. „Insofern muss man auch Max Webers These vom Zusammenspiel von Protestantismus und Kapitalismus relativieren. Moderne Studien zeigen, dass der wirtschaftliche Erfolg der protestantischen Länder, der auch schon um 1900 sichtbar war, mit der hohen Alphabetisierungsrate in protestantischen Ländern zusammenhängt“, brachte es der Bevölkerungswissenschaftler auf den Punkt.

Darüberhinaus würde eine Förderung der Bildung auch das Bevölkerungswachstum verlangsamen, was wiederum positive Auswirkungen auf den Klimawandel habe und zu einer nachhaltigeren Entwicklung führen würde. Abschließend unterstrich Lutz die Wichtigkeit der Förderung von Bildung und Gesundheit als Priorität für eine nachhaltigere Entwicklung. Dies gelte einerseits für den Bereich der Entwicklungszusammenarbeit, andererseits aber auch für die westeuropäische Gesellschaft. „Der Zusammenhang von Gesundheit und Bildung wird auch in Österreich sichtbar. Neueste Forschungen zeigen, wie wichtig es ist, dass wir nicht aufhören, uns geistig zu betätigen. Solange wir das tun, leben wir, und zwar in guter Gesundheit. Geistige Aktivität hilft uns, für uns selber zu sorgen, aber auch für andere“, resümierte Lutz. „Die Zukunft liegt im Geist! Das ist auch ein schönes Motto für unsere Evangelische Kirche in Österreich.“

Bilder zum Reformationsempfang unter foto.evang.at

ISSN 2222-2464