Wertestudie: Religiöse Landschaft zunehmend ausdifferenziert

"Nur weil jemand konfessionslos ist heißt das nicht, dass diese Person ohne religiöse Praxis ist“, sagt die Soziologin Lena Seewann von der Universität Potsdam. Foto: pixabay
"Nur weil jemand konfessionslos ist heißt das nicht, dass diese Person ohne religiöse Praxis ist“, sagt die Soziologin Lena Seewann von der Universität Potsdam. Foto: pixabay

Konfliktlinie zwischen Muslimen und Christen nicht zentral

Wien (epdÖ) – Säkularisierung und Pluralität sind die zentralen Tendenzen in der Entwicklung religiöser Praxis in Österreich. Nicht der oftmals beschworene Konflikt „christliches Abendland“ gegen „muslimische Einwanderer“ steht dabei im Zentrum, sondern Unterschiede entlang der demographischen Linien Alter, Geschlecht oder Wohnort. Das ist das Ergebnis einer umfassenden empirischen Studie zur heimischen Wertewelt, die neben dem Religiösen auch auf Politik, Soziales, Arbeits- und Familienleben fokussiert. Präsentiert wurden die Ergebnisse der Untersuchung unter dem Titel „Quo vadis, Österreich? Wertwandel zwischen 1990 und 2018“ gemeinsam mit der Publikation „Werte und Wertebildung aus interdisziplinärer Perspektive“ im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung am Donnerstag, 18. Juli, im Hauptgebäude der Universität Wien an der Ringstraße. Gemeinsam mit den Autorinnen und Autoren sprachen Expertinnen und Experten, darunter der gewählte evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka oder die Geschäftsführerin des Meinungsforschungsinstitut Ifes, Eva Zeglovits.

Von „rural Hochreligiösen“ bis zu „konfessionslosen Atheisten“

„Nur weil jemand Mitglied einer Religionsgemeinschaft ist, sagt das wenig über die religiöse Praxis der Person aus. Und nur weil jemand konfessionslos ist heißt das nicht, dass diese Person ohne religiöse Praxis ist.“ So fasste die Soziologin Lena Seewann von der Universität Potsdam, Mitautorin der Studie, die zentrale Problematik statistisch-empirischer Erforschung von Religiosität zusammen, die sich auf das Merkmal der formellen Religionszugehörigkeit konzentriert. Gemeinsam mit der Theologin Regina Polak von der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien präsentierte und diskutierte sie die zentralen Ergebnisse der von Jänner bis März 2018 unter knapp 2000 Probandinnen und Probanden durchgeführte Erhebung. Dabei wurden anhand konkreter Merkmale wie Gottglauben oder Kirchbesuch sozioreligiöse Typen wie etwa „Rural Hochreligiöse“, „Katholische Theisten“ oder „Konfessionslose Atheisten“ gebildet.

Polak und Seewann betonen zu diesen Daten die „religiöse Heterogenität innerhalb der Religionen“, sie orten „Konfliktlinien entlang von Generationen und Geschlecht“. Frauen und Ältere seien tendenziell offener für Religion als Männer und Jüngere, in den Städten seien vor allem Migrantinnen die Trägerinnen starker religiöser Praxis. „An diesen Konfliktlinien ist sichtbar zu machen, dass die These vom starken muslimischen Block und dem schwächelnden christlichen Block so nicht haltbar ist, aber andere Konfliktlinien stark ausgeprägt sind“, betonte Polak bei der Präsentation. „Hohe Religiosität finde sich vor allem bei „älteren Autochthonen“, die entkonfessionalisierte Religiosität bei jüngeren. „In den nächsten zehn Jahren wird sich da nicht so viel verändern, aber mittelfristig werden viele Konfliktlinien aufbrechen.“

Chalupka: Politische Theologie der neuen Rechten in Kirchen noch ohne Widerhall

Das medial und politisch häufig betonte Gegenüber von Musliminnen und Muslimen sowie Christinnen und Christen griff der gewählte evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka auf und sprach von einer „politischen Theologie“ der neuen Rechten, die vor allem in den USA Donald Trumps oder dem Brasilien Jair Bolsonaros stark ausgeprägt, in Versatzstücken aber auch in Österreich zu erkennen sei. „Das hat noch keinen Widerhall in den Kirchen, und wenn, dann nur an sehr konservativen Rändern, aber nicht im Mainstream.“ Damit hätten sich die Kirchen künftig theologisch auseinanderzusetzen und drei Grundgedanken zu betonen: „Die Gottesebenbildlichkeit, dass wir alle Kinder Gottes sind, und dass uns diese Welt nur geborgt und nicht geschenkt ist. Hier wird es sich entscheiden.“ Die politische Theologie in der Schule Trumps oder Bolsonaros behaupte einen Partikularismus gegenüber einem Universalismus, formuliere eine Überordnung des einen über den anderen, leugne den Klimawandel oder überhaupt den Begriff der Menschheit. „Hier müssen wir als Kirchen unsere Kraft hineinlegen.“

Weitere Gesprächsrunden vertieften an diesem Nachmittag die Inhalte der vorgelegten Wertestudie, die Entwicklungen aus drei Jahrzehnten analysierte. Sylvia Kritzinger und Julian Aichholzer vom Institut für Staatswissenschaften sprachen mit der Meinungsforscherin Eva Zeglovits über Politik und sozialen Zusammenhalt. Judith Kohlenberger von der Wirtschaftsuniversität Wien und Roland Verwiebe von der Uni Potsdam thematisierten gemeinsam mit der Wiener Soziologin Caroline Berghammer Arbeit, Beruf und Familie.

Erschienen ist der Band „Quo vadis, Österreich? Wertwandel zwischen 1990 und 2018“ – herausgegeben von Julian Aichholzer, Christian Friesl, Sanja Hajdinjak und Sylvia Kritzinger – im Czernin-Verlag. Ebenfalls im Umfeld des Forschungsverbandes Interdisziplinäre Werteforschung erschienen ist der Band „Werte und Wertebildung aus interdisziplinärer Perspektive“ (Springer).

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ISSN 2222-2464