Soziale Gerechtigkeit ist allen Weltreligionen ein Anliegen

Podiumsgespräch in der Donaucity-Kirche in Wien
Podiumsgespräch in der Donaucity-Kirche in Wien

Hennefeld: „Am Konkreten scheiden sich die Geister“ – Podiumsdiskussion im Rahmen der „Langen Nacht“

Wien (epdÖ) – Allen Weltreligionen ist soziale Gerechtigkeit ein Anliegen, wie eine Veranstaltung der „Langen Nacht der Kirchen“ am Freitag, 27. Mai, in Wien gezeigt hat. Der Amstettner römisch-katholische Betriebsseelsorger Franz Sieder moderierte dazu in der Donaucity-Kirche ein Gespräch mit dem reformierten evangelischen Landessuperintendenten Thomas Hennefeld, der Pressesprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich Carla Amina Baghajati und Gerhard Weißgrab, dem Präsidenten der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft. Initiiert wurde der Abend von der „Aktionsgemeinschaft Christinnen und Christen für die Friedensbewegung“.

Hennefeld wies darauf hin, dass es allen christlichen Kirchen gemeinsame Leitlinien gebe, die sich in Österreich in teilweise sehr konkreter Form etwa im Ökumenischen Sozialwort niedergeschlagen hätten. Die Gläubigen sollten ihre Kirchen in die Pflicht nehmen, diese Aussagen auch selbst umzusetzen bzw. sie bei den politisch Verantwortlichen einzufordern. „Grundsätzlich“ sei jeder für Gerechtigkeit, so Hennefeld, aber „am Konkreten scheiden sich die Geister“.

Im Islam gebe es keinen Gottesdienst ohne Dienst am Menschen, betonte Baghajati. Dies zeige sich etwa in einer der „fünf Säulen“ des Islam, in der fälschlich „Almosen“ genannten „Pflichtabgabe“ von jährlich 2,5 Prozent des Vermögens an Bedürftige. Muslime, die dieser Gewissenspflicht nicht nachkämen, begingen eigentlich „Diebstahl“, so die Islam-Vertreterin. Vor dem Hintergrund der Befreiungsbewegungen in der arabischen Welt bekannte sich Baghajati zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten, die mit ihrer Religion durchaus vereinbar seien. Sie erinnerte daran, dass laut dem Koran „der größte Dschihad ein wahres Wort gegen einen Tyrannen“ ist.

Buddha habe dazu aufgefordert, seine Lehre erst dann weiterzugeben, „wenn die Bäuche der möglichen Hörer gefüllt sind“, betonte Gerhard Weißgrab den Vorrang von Grundbedürfnissen vor Weltanschauungen. Das menschliche Ego stehe einer gerechteren Welt oft entgegen, doch Schritte dazu könne jeder Einzelne in seinem Leben setzen.

Moderator Franz Sieder erinnerte an die in der Befreiungstheologie verlangten gerechten Strukturen, die die christliche Nächstenliebe ergänzen müssten. Zur individuellen Hilfe des Samariters für den unter die Räuber Gefallenen müsse der Kampf gegen das Verbrechen kommen. Die gegenwärtigen „Haupträuber“ sind nach den Worten des Arbeiterseelsorgers Kapitalismus und Neoliberalismus, die die Kluft zwischen Armen und Reichen vertieften.

ISSN 2222-2464