Sommerakademie Kremsmünster: Neue Akzente in Sozialfragen

Bischof Bünker wünscht sich sich eine deutlichere spirituelle Tiefendimension sozialethischer kirchlicher Aussagen. (Foto: epd/Uschmann)
Bischof Bünker wünscht sich sich eine deutlichere spirituelle Tiefendimension sozialethischer kirchlicher Aussagen. (Foto: epd/Uschmann)

Bischöfe Bünker, Scheuer und Metropolit Arsenios fordern Diskussion über Ethik in der Wirtschaft und gesamteuropäische Sozialpolitik

Das Sozialwort der christlichen Kirchen hat sich in den vergangenen zehn Jahren als Impulsgeber für innerkirchliche und politische Prozesse bewährt, muss aber nun aktualisiert werden, um auf gegenwärtige Probleme Antworten anzubieten. Das war der Tenor am Freitag bei der Ökumenischen Sommerakademie im Stift Kremsmünster. Prominente Redner waren der evangelische Bischof Michael Bünker, der römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer, der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios Kardamakis und die Wiener Sozialethikerin Prof. Ingeborg Gabriel. Die Banken- und Staatsschuldenkrise waren für Bischof Bünker und Bischof Scheuer zwei der zentralen Themen, denen sich auch die Kirchen widmen müssten. So ortete Bischof Michael Bünker in Bezug auf Ethik und Wirtschaft einen großen Bedarf an Neuorientierung. Die herrschende Marktlogik sei zu hinterfragen. Die grundlegenden Wirtschaftsprinzipien gelte es neu zu diskutieren, zeigte sich der lutherische Bischof überzeugt. Hier hätten die Kirchen wesentliche Impulse in den wirtschaftlichen wie politischen Diskurs einzubringen. Freilich unter klaren Rahmenbedingungen, so Bünker: „Das Evangelium begründet und begrenzt den politischen Auftrag der Kirchen.“ Es gehe um eine sowohl beratende als auch kritische Funktion der Kirchen. Kirchliche Rede brauche dabei aber ein klares theologisches Profil, und dem komme das Sozialwort sehr nahe. Er wünsche sich für die künftige Fortschreibung aber, dass die spirituelle Tiefendimension sozialethischer kirchlicher Aussagen noch deutlicher herausgearbeitet wird.

Bünker würdigte, dass das Sozialwort seinen Ausgang bei der Option für die Armen nehme und auch eine Selbstverpflichtung der Kirchen enthalte. Der Bischof musste allerdings auch einräumen, dass die Kirchen diese im Sozialwort aufgestellte Selbstverpflichtung vielfach noch nicht zufriedenstellend erfüllt hätten.

Bischof Scheuer warnte vor dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen in Europa. Eine Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent in manchen südeuropäischen Staaten wie Spanien sei hier nur die Spitze des Eisbergs. Der Mensch müsse wieder stärker im Mittelpunkt des Wirtschaftens stehen, forderte Scheuer. Gerade in diesem Bereich habe das Sozialwort Wesentliches zu sagen. Erwerbsarbeit schaffe Identität und sei ein wichtiger Teil des Lebens. Das Sozialwort habe Qualitätskriterien für gute Arbeit benannt. Dazu gehörten etwa Fragen der Gesundheit, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zumutbare Arbeitszeiten oder realistische Mobilitätserfordernisse, führte Scheuer aus: „Gute Arbeit gewährt ein angemessenes Einkommen, respektiert menschliche Fähigkeiten und die Menschenwürde und bezieht sowohl das Produkt wie die Belange der Umwelt als Kriterien mit ein.“

Gleichwohl räumte er ein, dass er mit dem Sozialwort bei Diskussionen mit Unternehmern oder Bankern immer wieder auch auf großes Unverständnis gestoßen sei. Ethik und Wirtschaft dürften aber nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Metropolit Arsenios wies Vorurteile zurück, wonach die Orthodoxe Kirche die spirituelle Dimension gegenüber der sozialen Dimension bevorzuge. Ohne karitative Tätigkeit sei der Glaube an Christus sinnlos, betonte der Metropolit. Der Glaube müsse sich in der sozialen Praxis bewähren. Die Gleichwertigkeit von horizontaler (sozialer) und vertikaler (spiritueller) Dimension des Lebens sei zutiefst biblisch begründet.

Prof. Ingeborg Gabriel würdigte grundsätzlich das Ökumenische Sozialwort, ging in ihren Ausführungen aber auch auf einige Aspekte ein, die einer dringenden Überarbeitung bedürften bzw. gar neu erarbeitet werden sollten, etwa im Bereich der Migration oder der europäischen Einigung. Europa habe sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zunehmend zu einer Migrantengesellschaft entwickelt. Dieser Situation hätte sich nicht nur die Politik, sondern auch die Kirchen noch zu wenig gestellt. Es brauche vor allem eine Blickumkehr, zeigte sich Gabriel überzeugt: Migration solle weniger vom Aspekt der Humanität aus gesehen werden. Es gelte vielmehr, das große Potenzial, das in den Migranten steckt, zu entdecken und zu fördern – zum Wohl der eigenen Gesellschaft.

Abgeschlossen wurde die Sommerakademie mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche von Kremsmünster, den Bischof Bünker, Bischof Scheuer und Metropolit Arsenios gestalteten. Die nächste Sommerakademie wird von 9. bis 11. Juli 2014 wieder in Kremsmünster stattfinden und sich mit dem Verhältnis von Religion und Gewalt auseinandersetzen.

ISSN 2222-2464