Sind Religion und Sexualität „unversöhnliche Antipoden“?

Eine interreligiöse Podiumsdiskussion im Wiener Rathaus untersuchte das Verhältnis beider Lebensbereiche zueinander

Wien (epd Ö) – „Sinnlichkeit ist eine Transzendenz, die von Gott kommt.“ Das erklärte die reformierte Pfarrerin und Fachinspektorin für evangelischen Religionsunterricht an Höheren Schulen in Wien, Gisela Ebmer, bei einer interreligiösen Podiumsdiskussion zum Thema „Sexualität und Religion – ein kontroversielles Verhältnis. Über das Spannungsfeld von alten und neuen Normen und Freiräumen“ am 13. Oktober im Festsaal des Wiener Rathauses. Ebmer hielt fest, die evangelischen Kirchen hätten sich auch in Fragen der Sexualität auf die Bibel zu beziehen. Dort würden Gefühle „stets über den Körper beschrieben“. „Die Bibel ist ein Befreiungsbuch“, sagte die Religionspädagogin, „wenn wir anfangen, etwas zu spüren, können wir auch etwas verändern“.

Ebmer verwies darauf, dass in der Evangelischen Kirche den Klerikerinnen und Klerikern „keine Normen auferlegt“ würden, auch gebe es keine Geschlechterhierarchien. Im Blick auf die gesamte Gesellschaft gelte allerdings: „Frauen wurde und wird verwehrt, sich selbst zu spüren.“

Sozialwissenschaftler Eder: Sexualität und Religion stehen in Konkurrenz

In einem Impulsreferat hatte Franz X. Eder vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien die These vertreten, Religion und Sexualität stellten „unversöhnliche Antipoden“ dar. Da es im sexuellen Erleben Erfahrungen gebe, die dem religiösen Erleben nahekommen, stehe Sexualität im Gegensatz zu den transzendentalen Erfahrungen, die von den Religionen intendiert würden. Nur jene Konfessionen hätten „eine Chance bei der Bevölkerung“, die wie die protestantischen Kirchen Sexualität als zum Leben gehörend akzeptieren. Allerdings, so Eder, könne Religion dem Sex wieder mehr Sinn und Bedeutung verleihen. Wer dem neuzeitlichen „Sex-Imperativ“ nicht folgen könne, finde in der Römisch-katholischen Kirche oder im Islam Halt und Orientierung. Auch könne Religion als „Sex-Verstärker“ wirken. So gelte bei Fundamentalisten die Ehe als Verstärker des sexuellen Erlebens.

Islam: Sexualität in der Ehe ist „gute Tat“

„Man muss achten und ehren, wie Gott uns geschaffen hat“, forderte Anna Rosenberger, Vorstands-Stellvertreterin der Katholischen Frauenbewegung, in der Diskussion. Sexualität könne immer wieder neu zur Erfüllung führen. Dass das Geschlechtliche von Anfang an in jedem Menschen „schlummere“, sei eine „frohe Botschaft“. Rosenberger verwies auf eine „große Bandbreite“ an Meinungen zur Sexualität in der Römisch-katholischen Kirche im Verlauf ihrer Geschichte: „Normen entwickeln sich weiter, die Kirche ist im Dialog.“

Dass Sexualität „etwas ist, das zum Menschsein ganz wesentlich dazugehört“, betonte auch Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Im Islam werde Sexualität in der Ehe nicht nur aus Fortpflanzungsgründen als „gute Tat“ gewertet. Baghajati wandte sich gegen Bräuche wie Zwangsheirat, Mädchenbeschneidung und Ehrenmord, die die Religion „pervertierten“ und in der islamischen Theologie keine Anhaltspunkte hätten. Hier gebe es innerhalb wie außerhalb des Islam noch Diskussionsbedarf.

Buddhismus: Den Egoismus überwinden, nicht die Lust

Da der Buddhismus keine Religion, sondern eine „Anleitung zum Gelassensein und Zufriedensein“ sei, gebe es im Buddhismus auch in Fragen der Sexualität nichts Verbotenes oder Erlaubtes, erläuterte der ehemalige Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft Peter Riedl. Die buddhistische Lehre beruhe auf den Erfahrungen des Menschen Buddha. Diese zeigten: „Das egoistische Wollen muss überwunden werden, nicht die Lust.“ Für den sexuellen Bereich bedeute dies: „Wer ins Blitzblaue lebt, wird nicht glücklich.“

Obwohl er selbst „keine Beziehung zu Gott“ habe, seien Religionen für ihn „großartige Leistungen des menschlichen Geistes“, erklärte Josef Shaked von der Israelitischen Kultusgemeinde. Der Psychiater bezweifelte, dass die Psychoanalyse Antworten auf die Fragen des modernen Werteverlustes auch auf sexuellem Gebiet geben könne. Es sei aber festzustellen, dass die Religionen verschiedene Lösungen anböten.

Die Podiumsdiskussion, die von der ORF-Journalistin Ursula Baatz moderiert wurde, fand statt im Rahmen der Wiener Vorlesungen in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Wien und der Plattform für Interreligiöse Begegnungen (PFIRB).

ISSN 2222-2464