Reichspogromnacht war „fürchterliche Verirrung“

Ökumenischer Gottesdienst in Wiener Ruprechtskirche und Schweigemarsch zum Mahnmal auf dem Judenplatz

Wien, 16. November 2005 (epd Ö) – „Die Toten fehlen der Welt. Ihre Ermordung hat uns ärmer gemacht.“ Das sagte der reformierte Landessuperintendent Wolfram Neumann am Mittwochabend, 9. November, beim ökumenischen Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche zum Gedenken an die Reichspogromnacht von 1938. Die Nacht des 9. November 1938 sei „nicht der Anfang“ der antisemitischen Gräuel gewesen, wie Neumann unterstrich. Er erinnerte an eine Entwicklung, die bereits im 19. Jahrhundert ihre Wurzeln hatte und aus der zunächst die „Rassengesetze“ und die so genannten „Arierparagrafen“ hervorgegangen waren. Dies habe dann schließlich „mit unmenschlicher Konsequenz zu den Ereignissen dieser Novembernacht“ geführt.

Bewusst die Diktion der „Reichskristallnacht“ aufnehmend, schloss Neumann: „Die Scherben der Reichskristallnacht sind ein Spiegel, in dem wir die fürchterlichen Verirrungen unserer menschlichen Möglichkeiten erkennen können.“ Diese Scherben seien heute noch „so scharfkantig wie damals“.

Die Äbtissin des Zisterzienserinnenklosters Marienkron in Mönchhof, Mirjam Dinkelbach, erinnerte an den gravierenden Mangel an Solidarität mit den damaligen jüdischen Opfern: „Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe. Jeder ging für sich seinen Weg.“ Die Opfer jedoch wurden „abgeschnitten vom Land der Lebenden und zu Tode getroffen“, so Dinkelbach. Heute gelte es daher, die christlich-jüdischen Gemeinsamkeiten aufzudecken und bewusst zu halten.

Im Anschluss an den Gottesdienst, der musikalisch mit Werken des jüdischen Komponisten Ernest Bloch gestaltet wurde, fand ein Schweigemarsch zum Mahnmal auf dem Judenplatz statt. An Gedenkgottesdienst und Schweigemarsch nahmen u.a. auch Oberin Christine Gleixner, Oberkirchenrat Michael Bünker, der frühere Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche Helmut Nausner sowie der altkatholische Bischof Bernhard Heitz teil. Gottesdienst und Mahnwache fanden im Rahmen der Gebets- und Bedenkwoche „Mechaye Hametim – Der die Toten auferweckt“ statt.

ISSN 2222-2464