Oberkirchenrätin Reiner: Ökumenische Chancen zu wenig genutzt

Podiumsdiskussion in Wien versuchte eine Standortbestimmung der Ökumene nach Sibiu/Hermannstadt

Wien (epd Ö) – „Es sind die vielen kleinen Begegnungen, bei denen wir unsere Träume und – oft bittere – Realitäten miteinander teilen.“ Mit diesen Worten beschrieb die lutherische Oberkirchenrätin Dr. Hannelore Reiner bei einer Podiumsdiskussion am 17. Oktober in Wien den Ertrag der 3. Ökumenischen Europäischen Versammlung in Sibiu/Hermannstadt für die Entwicklung der Ökumene.

 

Bei der vom Studienleiter der Evangelischen Akademie Wien, Pfarrer Mag. Roland Werneck, moderierten Diskussion sagte Reiner zur „Lichtseite“ der Versammlung: „Wir befinden uns noch immer auf einem gemeinsamen Weg und sind neugierig aufeinander.“ Vor allem die Jugend habe lautstark gefordert, dass in der Ökumene „endlich etwas weitergeht“. Auch habe der Auftritt namhafter Politiker gezeigt, dass die Öffentlichkeit auf die Stimme der Kirche hört. „Diese Chance nutzen wir zu wenig“, sagte Reiner.

 

Die Oberkirchenrätin hob auch hervor, dass das sonst „viel geschmähte“ Schlussdokument gerade beim Asylrecht sehr konkret werde. In diesem Zusammenhang forderte Reiner eine gemeinsame biblisch begründete Stellungnahme der Kirchen in Österreich zum Asylrecht.

 

Als „Schattenseite“ der Versammlung in Sibiu/Hermannstadt vermerkte die Oberkirchenrätin, die auch Mitglied des Zentralausschusses der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) ist, es sei eine „verpasste Gelegenheit“ gewesen, dass es von Seiten der Orthodoxie zu keiner allgemeinen Anerkennung der Taufe gekommen sei. Auch habe das Thema Islam lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. Ebenso sei in den Fragen der Beteiligung von Frauen und der Jugend bei der Versammlung eine „Ungleichzeitigkeit“ zwischen den Kirchen offenbar geworden.

 

Römisch-katholische Theologin Gabriel gegen „Differenzökumene“

 

Eine „Ökumene der Substanz“ forderte die römisch-katholische Professorin für Sozialethik, Dr. Ingeborg Gabriel bei der Podiumsdiskussion. Es gelte, sich auf die Inhalte des christlichen Glaubensbekenntnisses zu konzentrieren, die in der säkularen Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich seien. Die Theologin sprach sich gegen den Begriff einer „Differenzökumene“ aus, wie er von dem Wiener evangelischen Theologen Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem Berliner lutherischen Bischof Dr. Wolfgang Huber, vertreten werde. Dieses Ökumeneverständnis stelle kontroverstheologische Fragen zu stark in den Vordergrund.

 

Dass es heute darum gehe, „ein System christlicher Solidarität“ aufzubauen, erklärte der Bischofsvikar der Rumänisch-orthodoxen Kirche in Österreich, Dr. Nicolae Dura. In Sibiu/Hermannstadt hätten die Kirchen ihre Identität, aber auch ihre Verschiedenheit erlebt. „Im Licht Christ ist vieles gemeinsam möglich“, stellte Dura fest, der auch darauf hinwies, dass in seiner Kirche die Taufe auch der Römisch-katholischen und der Evangelischen Kirche anerkannt werde.

 

Vielfalt als Wert für sich

 

Als „Erfolgsgeschichte“ bezeichnete der Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche Österreichs, Lothar Pöll, die ökumenische Bewegung. „Wir haben in Österreich viel erreicht“, sagte Pöll, der darauf hinwies, dass Vielfalt „einen Wert für sich“ darstelle. Dieser Wert dürfe, wenn es um Einheit gehe, nicht nivelliert werden. Pöll erinnerte an das Modell der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), das von einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ausgehe.

 

Die Podiumsdiskussion fand statt im Rahmen eines von der Evangelischen Akademie Wien veranstalteten Studientages mit dem Thema „Ökumene in Europa: woher – wohin? Eine Standortbestimmung nach der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung in Sibiu/Hermannstadt (Rumänien)“ im neu renovierten Albert-Schweitzer-Haus in Wien.

 

ISSN 2222-2464