Frauen: Begegnungs- und Vernetzungstag in Wien

„Die Frauen müssen sich fragen: Was sind die Dinge, die ich erreichen möchte und wie kann ich sie erreichen?“ - die deutsche Politikberaterin Claudia Neusüß. Foto: epd/M. Uschmann
„Die Frauen müssen sich fragen: Was sind die Dinge, die ich erreichen möchte und wie kann ich sie erreichen?“ - die deutsche Politikberaterin Claudia Neusüß. Foto: epd/M. Uschmann

„Lust auf Leiten und Führen“

Wien (epdÖ) –  „Wir haben derzeit die bestausgebildete Generation von Frauen in Deutschland und in Österreich – ich frage mich, warum sich das nicht in den Leitungspositionen widerspiegelt“, sagte die deutsche Politikberaterin Claudia Neusüß bei einem Frauenbegegnungs- und Vernetzungstag am Samstag, 15. September, im Evangelischen Zentrum in Wien. Eingeladen hatten zu diesem Tag unter dem Motto „Zeit für ein neues Führungsverständnis? Lust auf Leiten und Führen“ Oberkirchenrätin Ingrid Bachler gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft Theologinnen“. Es sei das Ziel, so Bachler, dass „Wirklichkeit, Erfahrung und Fähigkeiten von Frauen in Kirche und Theologie künftig ebenso zur Geltung kommen wie die von Männern.“ In ihrem Vortrag, der unterbrochen wurde von Arbeitseinheiten, betonte Neusüß die fehlende Unterstützung und Anerkennungsfähigkeit für Frauen in Organisationen. „Die Frauen müssen sich fragen: Was sind die Dinge, die ich erreichen möchte und wie kann ich sie erreichen?“ Sehr wichtig sei es, dass Frauen einander gegenseitig zitieren, also „ins Gespräch bringen“ und sich auch „nicht scheuen, auf die ‚Bühne zu treten“. Grundsätzlich sieht die deutsche Politikwissenschaftlerin eine „historische Übergangssituation“, in der Führung neu gedacht und neu definiert wird. Bisher sei Führung gleichgesetzt worden mit „anordnen, kontrollieren und festlegen“. Dabei gehe es bei Führung um situatives Unterstützen, Orientierung bieten und Konflikte lösen. „Führung ist zu verstehen als Entwicklungsaufgabe.“ Oft seien Frauen mit Widerstand konfrontiert, wenn sie Führungspositionen anstreben: „Wenn Frauen mit Widerstand konfrontiert werden, neigen sie dazu, die Situation zu meiden und sich zurückzuziehen. Widerstand aber ist eine Kraft, die Veränderung verlangsamt oder zum Stillstand bringt. Es geht darum, sich diese Energie nutzbar zu machen. Es hilft, Kontakt aufzunehmen zum Widerstand, zu fragen, warum einer jetzt dieser Widerstand begegnet.“ Keinesfalls solle Widerstand persönlich genommen werden, sondern der Widerstand sei etwas Strukturelles.

„Nicht gewählt werden heißt nicht, zu scheitern“

Es gehe darum, ein Netzwerk zu knüpfen, betonte Oberkirchenrätin Bachler in ihrer Begrüßung: „Es ist an der Zeit, Strategien zu entwickeln um Lust auf Leitung und Führung auch im Widerstand zu entwickeln. Das ist ein großes Anliegen von mir.“ So solle auch die Ausdauer der Frauen gefördert werden, sich immer wieder für Leitungspositionen zur Verfügung zu stellen: „Nicht gewählt zu werden, heißt nicht, zu scheitern, sondern einen Entwicklungsschritt gemacht zu haben.“ Leitung und Führung von Frauen sei ein langfristiges Thema. Bachler widersprach den „Klischees, dass Frauen einfühlsamer seien oder mehreres gleichzeitig können. Teams, die aus Frauen und Männern gleichermaßen zusammengesetzt sind, arbeiten erwiesenermaßen besser. Ich will, dass die Frauen auf allen Ebenen gleichwertig vertreten sind und dass es auf dem Weg dorthin normal wird, dass Frauen sich auf alle Positionen in der Evangelischen Kirche bewerben.“ Das betonte auch Claudia Neusüß: „Es braucht die Klugheit und die Kraft aller Menschen, um zukunftsfähig zu sein. Also braucht es auch solidarische Männer für dieses Vorhaben.“ Frauen müssten sich dessen bewusst werden, dass Leitung und Führung seinen Preis hat: „Die Frauen müssen sich also fragen, welchen Preis sie bereit sind zu zahlen.“

Zahlreiche Workshops vertieften einzelne Themenbereiche. Foto: epd/M. Uschmann
Zahlreiche Workshops vertieften einzelne Themenbereiche. Foto: epd/M. Uschmann

Im Laufe des Tage gab es etliche Workshops, in den die Frauen zu Themen arbeiteten wie etwa: „Im Jahr 2028 sind Frauen/Männer/alle Geschlechter gleichermaßen in Führung – wie genau sieht das aus?“ Wie haben wir es geschafft, dahin zu kommen?“ „Welche Hürden gab es und wie wurden sie überwunden?“ Einige Ergebnisse waren, dass die kulturelle Vielfalt und auch die familiären Strukturen allen in der Kirche bewusst sind oder dass es einen entscheidenden Wandel im PfarrerInnenbild gegeben hat. Auch wurde der Wunsch geäußert, dass es mehr Tagungen für Frauen gibt. Weitere Workshops waren “Macht und der weibliche Umgang mit Macht“, Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, „Amtsführung – na und?“, und „Was brauche ich, um mich für ein Leitungsamt in der Kirche zu bewerben?“

Großer Schritt in die richtige Richtung

Es sei ein “großer Schritt, dass heute so viele Frauen hier sind“ meinte die ehemalige Superintendentin von Salzburg und Tirol, Luise Müller. Sie ortete einen „gesamtgesellschaftlichen Rückschritt bei der Gendergerechtigkeit. Für mich hilft da nur eine Quote, nur dann bekommen wir einen anderen Blick für Gremien.“  Es gehe darum, für die Zukunft zu reflektieren und ein Netzwerk aufzubauen. Auch sei es ein Ziel, so die Wiener Krankenhausseelsorgerin Margit Leuthold, „eine Aufmerksamkeit zu schaffen, dass Frauen gefördert werden, sodass dass wir auch einmal eine Bischöfin haben.“

Rund 60 Frauen haben an der Tagung teilgenommen, auch über die Landesgrenzen hinaus. Auch der ORF zeigte Interesse: In der Orientierung am kommenden Sonntag wird es einen Beitrag dazu geben, gestaltet von Sandra Szabo. Auf Ö1 wird ein Beitrag von Susanne Krischke am 26. September in Religion Aktuell um 18.55 Uhr ausgestrahlt.

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ISSN 2222-2464