Nach Ebensee: Mauthausen Komitee fordert Bildungsoffensive und Beratungsstellen

Zivilcourage-Trainings und mehr Guides für Mauthausen – Bünker: Rassismus sensibel im privaten Umfeld wahrnehmen

Wien (epd Ö) – Beratungsstellen gegen Rechtsradikalismus und eine Bildungsoffensive fordert das Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) von der Bundesregierung. Die aktuellen Ereignisse in Ebensee oder in Auschwitz zeigten, dass Jugendliche in Österreich viel zu wenig über die Verbrechen des Nationalsozialismus wissen, sagte MKÖ-Vorsitzender Willi Mernyi am Freitag, 15. Mai, bei der Präsentation eines Maßnahmenkatalogs in Wien. Deutliche Kritik übte Mernyi an der Bundesregierung: „Ebensee war ein Weckruf, und dieser Weckruf muss gehört werden.“ Mit einer Politik nach dem Motto „Ball flachhalten“ könne man dieses Problem nicht lösen, „Neonazis gehören nicht beobachtet, sondern bekämpft“. Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker zeigte sich beunruhigt über die Nachrichten „aus dem finsteren Herzen Österreichs“ und plädierte dafür, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit „sensibel auch im privaten Umfeld“ wahrzunehmen.

„Bei uns rufen besorgte Eltern an, weil sie bei ihren Kindern seltsame Zeichen sehen und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen“, berichtete Mernyi. Anders als etwa bei der Drogen- oder Sektenberatung gebe es keine Stelle, an die sich Eltern oder LehrerInnen wenden können. Zusätzlich zu Beratungsstellen brauche es eine breite Bildungsoffensive. Dazu will beispielsweise auch das Planspiel „miramix“ beitragen, das das Mauthausen Komitee entwickelt hat. Für die breite Verteilung fehlt jedoch das Geld, ebenso gebe es zu wenig Guides für die Führungen durch Mauthausen. Immer wieder müssten Anfragen von Schulen mangels Kapazität abgelehnt werden. Derzeit werden, so Mernyi, 35 neue ehrenamtliche Mauthausen-Guides ausgebildet. Damit können weitere 300 Führungen für 7500 Jugendliche stattfinden. Rund die Hälfte der Guides sind Frauen, ein Drittel hat migrantischen Hintergrund. „‚0815‘-Führungen bringen nichts“, meinte Mernyi, es gehe immer darum, bei der Lebenswirklichkeit junger Menschen anzusetzen und sich auf die jeweilige unterschiedliche Zielgruppe zu konzentrieren. Sara-Lydia Husar ist eine dieser jungen Guides. Das Erinnern an die Opfer sei wichtig und ein längerer Prozess in der Begegnung mit Jugendlichen, wobei auch die Vor- und Nachbereitung an den Schulen eine entscheidende Rolle spiele, sagte Husar.

Angeboten werden vom MKÖ ab sofort auch eigene „Zivilcourage-Trainings“. Bei diesen Workshops sollen Jugendliche dafür gerüstet werden, im Kontakt mit Neonazis und anderen Radikalen richtig handeln zu können. „Wir leben nicht in einem Land, das sich durch Glanzleistungen der Zivilcourage hervortut“, sagte Bischof Bünker, der das Zivilcourage-Training „auch für Erwachsene“ gut fände. Verantwortung sieht der Bischof auch bei der Politik: „Zivilgesellschaftliche Verwurzelung kann nicht von oben verordnet, aber ermöglicht werden.“ Es sei beschämend, wie spät sich Österreich der eigenen Vergangenheit gestellt habe. Zwar werde der Grundkonsens gegen Rechtsradikalismus immer wieder beteuert, dennoch sei zu fragen, ob er „an der Basis der Gesellschaft angekommen oder bloß Lippenbekenntnis ist“. Ebenso sei kritisch zu hinterfragen, ob es „ein politisches Feld gibt, das Jugendliche für ihre nicht verstehbaren und nicht entschuldbaren Handlungen als Ermutigung verstehen“.

Dass die FPÖ mit Slogans wie „Abendland in Christenhand“ für die EU-Wahl wirbt und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bei der „Anti-Moschee-Demo“ am Donnerstag in Wien demonstrativ ein Kreuz getragen habe, ist für Bischof Bünker „in höchstem Maße fahrlässig“. Religiöse Symbole zu „missbrauchen“ sei gefährlich, da religiöse Gefühle tiefe Emotionen auslösen könnten, die auch zu negativen Handlungen führen könnten. Die evangelische Kirche distanziere sich ganz deutlich davon. Auch Mernyi zeigte sich besorgt: „Wenn linke Demonstranten ‚Nazis raus‘ rufen und aus der Demonstration kommt zurück ‚aus dem Gefängnis!‘, ist das angesichts des Vorfalls in Ebensee mehr als grauslich.“

ISSN 2222-2464