Lettische Pfarrerin Dace Dislere-Musta in Österreich ordiniert

Im Beisein zahlreicher FreundInnen und Angehöriger wurde Dislere-Musta (r.) von Oberkirchenrätin Ingrid Bachler (l.) ordiniert. Foto: Jekabs Dislers-Musts
Im Beisein zahlreicher FreundInnen und Angehöriger wurde Dislere-Musta (r.) von Oberkirchenrätin Ingrid Bachler (l.) ordiniert. Foto: Jekabs Dislers-Musts

Frauenordination in Lettland seit 2016 verboten

Riga/Waidhofen an der Thaya (epdÖ) – Weil sie in der evangelisch-lutherischen Kirche in ihrer Heimat Lettland nicht Pfarrerin werden durfte, war Dace Dislere-Musta vor vier Jahren nach Österreich gekommen. Am Sonntag, 10. Juni, wurde die Theologin, die in Lettland lange in Krankenhausseelsorge und Diakonie gearbeitet hatte, von Oberkirchenrätin Ingrid Bachler in Waidhofen an der Thaya ins Pfarramt ordiniert. „Die kleine Kirche zur frohen Botschaft war übervoll, die Gemeinde, die VikarskollegInnen , die FreundInnen und drei katholische Geistliche feierten voller Freude die Ordination einer lettischen Theologin, die 25 Jahre auf die Ordination warten musste und nun mit ihren Gaben und Kompetenzen die Evangelische Kirche in Österreich beschenkt“, sagte die Oberkirchenrätin.

Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst erzählt Dace Dislere-Musta von der Situation der Kirche in ihrer Heimat und wie sie sich – nach langen Jahren des Wartens – doch zum Auswandern entschied, um als Pfarrerin arbeiten zu können.

„Kirche in Lettland hat Vertrauen völlig verloren“

„Als ich in den neunziger Jahren mit meiner Ausbildung begann, war in Lettland nach der Wende viel im Umbruch. Die evangelische Kirche bekam auf einmal sehr großen Einfluss“, blickt Dislere-Musta zurück. Genau das sei aber zum Problem geworden. Einige Männer in leitenden Funktionen der Kirche hätten sich besorgt gezeigt, diesen neu gewonnen Einfluss zu verlieren, insbesondere an Frauen. Seit Mitte der Neunziger seien de facto keine Frauen mehr ordiniert worden. „Damit erreichten sie jedoch genau das Gegenteil. Die Kirche hat damit das Vertrauen völlig verloren“, sagt Dislere-Musta. „Es gibt eine Kirchenleitung, die die alten Strukturen aufrechterhält, aber die denkenden und fühlenden Menschen sind der Kirche verloren gegangen.“

„Wichtig, falsche Loyalität nicht mehr zu leben“

Wie Dislere-Musta sind viele Frauen ins Ausland gegangen, um Pfarrerin zu werden. Sie persönlich kenne nur mehr wenige, die in Lettland geblieben sind und jetzt u.a. als Seelsorgerinnen in Krankenhäusern oder im Gefängnis arbeiten. Auch sie selbst habe das lange Zeit gemacht. „Doch war es für mich dann sehr wichtig, diese falsche Loyalität nicht mehr zu leben. Es war schwierig, eine Nische für mich zu finden und den Glauben so zu leben, wie ich ihn vertrete. Wenn eine Kirche so ins Extreme abdriftet, dann ist das nicht mehr möglich.“ Das zeige auch die Entwicklung der letzten zwei Jahre. Erst 2016 war in Lettland beschlossen worden, die Frauenordination auch offiziell aufzuheben. Zudem seien „liberale und menschliche“ Pfarrer regelrecht aus der Kirche vertrieben worden. „Und das passierte den ältesten und einflussreichsten. Wie sollen die Jungen damit umgehen?“

„Ich kam und sagte: Hier bin ich!“

Die Entscheidung, nach Österreich zu gehen, sei letztlich sehr kurzfristig und ohne große Planung erfolgt. „Eigentlich hatte ich den Pfarrerinnenberuf schon abgeschrieben. Ich dachte mir: ‚Wenn ich jetzt neu anfange, bin ich schon über 40‘.“ Sie entschied sich dennoch dafür. „Ich kam tatsächlich nach Österreich und sagte: Hier bin ich!“ Im niederösterreichischen Waldviertel rund um die Pfarrgemeinde Gmünd/Waidhofen an der Thaya, wo Dislere-Musta zuletzt als Pfarramtskandidatin im Einsatz war, ist sie mittlerweile bekannt. Mit einer Predigtreihe tourt sie in den kommenden Sommermonaten durch römisch-katholische Kirchen, um für die Ökumene zu sensibilisieren.

Von den rund 2 Millionen LettInnen sind etwa 700.000 lutherisch – die meisten davon im Westen des Landes –, wobei sich nach Angaben einer Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland nur ein geringer Prozentsatz zur Kirche bekennt. Im Osten des Landes leben v.a. KatholikInnen (rund 500.000) und Russisch-Orthodoxe (rund 370.000).

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ISSN 2222-2464