Körtner: Theologische Defizite prägen EKD-Familiendokument

Körtner kritisiert die theologischen Defizite des EKD-Familiendokuments und den "originellen Umgang mit biblischen Texten". Foto: epd/Uschmann
Körtner kritisiert die theologischen Defizite des EKD-Familiendokuments und den "originellen Umgang mit biblischen Texten". Foto: epd/Uschmann

Kritik an „originellem Umgang mit Bibel“

Wien (epdÖ) – Kritik an der vor wenigen Wochen veröffentlichten Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) äußert nun auch der Wiener Systematische Theologe Ulrich H.J. Körtner in einer Analyse in der Zeitschrift für Evangelische Ethik. Zwar beinhalte das Dokument „viel Wichtiges und Richtiges“, Körtner kritisiert jedoch theologische Defizite in dem Text sowie den „originellen Umgang mit biblischen Texten“.

Die Anerkennung gesellschaftlicher Umbrüche, das Bekenntnis, für Menschen da zu sein, „deren Lebensentwürfe von tradierten Moralvorstellungen der Kirche und ihrem herkömmlichen Verständnis von Ehe und Familie abweichen“ und die Fokussierung auf die „Qualität gelebter Beziehungen“ seien zu begrüßen. Im Gegensatz zu EKD-Ratsvorsitzendem Nikolaus Schneider sieht Körtner aber sehr wohl einen theologischen Kurswechsel in der neuen Orientierungshilfe. „De facto wird das ‚Leitbild‘ der ‚traditionellen lebenslangen Ehe und Familie‘ aufgegeben.“ Dies sei aus ökumenischer Sicht ein „höchst problematischer Schritt“, der die Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen belaste.

Im Gegensatz zur Stellungnahme der EKD von 1998 „zur ethischen Orientierung für das Zusammenleben von Ehe und Familie“, in der noch vom Unverbrüchlichsein der Ehe gesprochen wird, lese man davon nichts mehr in der neuen Orientierungshilfe. „Das Scheidungsverbot Jesu wird dahingehend abgeschwächt, dass es Paare und Eltern ‚an ihre Verantwortlichkeit‘ erinnert.“ Die Ehe gelte nun auch nicht mehr als Institution, sondern lediglich als Vertragsabschluss, bemängelt Körtner. Angesichts der Bemühungen der EKD, moderne Entwicklungen im Bereich Partnerschaft, Ehe und Familie zu berücksichtigen, kritisiert der Systematiker, „dass die Evangelische Kirche nicht mehr für sich beansprucht, ein eigenes Leitbild von Ehe und Familie zu prägen, sondern lediglich ein anderweitig entstandenes Leitbild zu unterstützen“. Und weiter: „Normativ ist für die Autoren der Orientierungshilfe letztlich nicht die Bibel, sondern es sind ‚verfassungsrechtliche Vorgaben und Leitbilder von Ehe und Familie. Die Bibel dient dagegen nur in einem sehr allgemein gehaltenen Sinn zur Orientierung.“

Aus systematisch-theologischer Sicht sei anzumerken, dass theologisch gewichtige Stimmen kaum einbezogen wurden, schreibt Körtner. Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth, auf die in der Orientierungshilfe von 1998 noch Bezug genommen wurden, fehlen gänzlich. Dafür kommt Martin Luther vor, die Rezeption in dem Text sei aber problematisch. „Was man über den Reformator liest, deutet nicht auf eingehende Beschäftigung mit Luther hin, was doch im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 einigermaßen irritiert.“

Der ganze Kommentar zur kürzlich veröffentlichten Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ mit dem Titel: „Hauptsache gerecht. Wie die EKD Familie neu zu denken versucht“ wird Anfang Oktober in der Zeitschrift für Evangelische Ethik (Heft 4) erscheinen.

ISSN 2222-2464