Körtner: „Reformation nicht auf Luther reduzieren“

Der Theologe Ulrich H.J. Körtner (l.) im Gespräch mit Udo Bachmair im Rahmen der Reihe "Gemeinde im Gespräch" in Wien. (Foto: epdÖ/S.Janits)
Der Theologe Ulrich H.J. Körtner (l.) im Gespräch mit Udo Bachmair im Rahmen der Reihe "Gemeinde im Gespräch" in Wien. (Foto: epdÖ/S.Janits)

Finanzierung von Pflege und Medizin wird Herausforderung

Wien (epdÖ) – Das Reformationsjubiläum 2017, Papst Franziskus und aktuelle sozialethische Herausforderungen waren Themen bei einem Gesprächsabend mit dem reformierten Theologen Ulrich H.J. Körtner am 27. November. Er war im Rahmen der Reihe „Gemeinde im Gespräch“ zu Gast in der Lutherischen Stadtkirche in Wien.

Im Gespräch bekräftigte Körtner seine Kritik am Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft – Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017“, das vom Lutherischen Weltbund und dem Einheitssekretariat des Vatikans im Sommer dieses Jahres präsentiert wurde. Viele Positionen Luthers würden darin abgeschwächt und Provokatives weichgespült. „Am Ende fragt man sich: War die Reformation nur eine Reihe von Missverständnissen? Ging es nicht auch um Differenzen in der Sache?“, fragte Körtner, der das Dokument „bedauerlich“ findet. Dieses könne auch als Indiz für eine Identitätskrise bei manchen lutherischen Theologen verstanden werden, so Körtner weiter, „das macht mich nachdenklich“. Darüber hinaus sei das Dokument zu sehr auf Luther bezogen. Hier hätte sich der reformierte Theologe vom Lutherischen Weltbund gewünscht, dass er auch die innerprotestantische Ökumene einbringe. „Es ist wichtig, dass die Reformation nicht auf Luther oder das Luthertum reduziert wird. Die Reformation hatte bereits im 16. Jahrhundert eine große Bandbreite und war ein europäisches Ereignis.“ Diesen gesamteuropäischen Aspekt der Reformation mehr ins Bewusstsein zu rücken, sei auch Anliegen der Gemeinschaft Europäischer Kirchen, erklärte Körtner.

Inwiefern der neue Papst Franziskus die Ökumene mit den reformatorischen Kirchen vorantreiben wird, lasse sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, meinte Körtner. Das vor wenigen Tagen erschienene „Regierungsprogramm“ des neuen Papstes, das Dokument „Evangelii Gaudium“, gehe nur sehr knapp auf das Thema Ökumene ein. Die derzeitigen Entwicklungen in der Römisch-katholischen Kirche beobachte er „aus der Distanz mit Wohlwollen“. Übereinstimmungen sieht Körtner, zu dessen Forschungsschwerpunkten unter anderem auch die Sozialethik gehört, in der Kapitalismuskritik und der Hinwendung zu den Armen seitens des neuen Papstes, auch wenn dies „zum Repertoire der katholischen Soziallehre“ gehöre.

Die Finanzierung sowie die gerechte Verteilung von Ressourcen in den Bereichen Pflege und Medizin seien derzeit die größten Probleme, mit denen sich Medizin-, Pflege- und Bioethik auseinanderzusetzen haben. Die Frage nach der Allokation – darunter versteht man allgemein die Zuordnung beschränkter Ressourcen – werde immer wichtiger. „Viele Mediziner wissen mit diesem Fachbegriff gar nichts anzufangen, für Medizinökonomen ist er mittlerweile zu einem zentralen Begriff geworden“, betonte Körtner. Dies treffe vor allem auf den Bereich der Pflege zu, hier stehe die Gesellschaft vor immer größeren Herausforderungen. Für die Politik sieht Körtner dringenden Handlungsbedarf: „Wir brauchen eine nachhaltige Lösung.“ Politikerinnen und Politiker seien noch zu sehr der Überzeugung, Pflege könne ja von Angehörigen geleistet werden. Dies sei ein Fehlschluss. „Pflege muss hochprofessionell durchgeführt werden, die Anforderungen steigen immer mehr“, so der Theologe.

Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Gemeinde im Gespräch“ in der Lutherischen Stadtkirche in Wien, die der Journalist und Präsident der Vereinigung für Medienkultur, Udo Bachmair, moderiert.

ISSN 2222-2464