Körtner: Prinzipien des Dialogs Christentum – Islam überdenken

Muslimische Kritik am Papst zurückgewiesen

Wien (epd Ö) – Ein Dialog der Religionen, der diesen Namen wirklich verdient, muss auch unbequeme Fragen aushalten. Das hat der Wiener evangelische Theologe Ulrich Körtner in einem Gastkommentar in der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ (Montag-Ausgabe) betont und zugleich die muslimische Kritik an der Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. zurückgewiesen. Die Art und Weise, wie nicht nur schlecht informierte und fanatisierte Massen, sondern auch hohe Repräsentanten des Islam einmal mehr auf Kritik an ihrer Religion reagieren, gebe Anlass, die Prinzipien eines interreligiösen Dialogs zwischen Christentum und Islam zu überdenken, schreibt Körtner.

Seine Kritiker würden dem Papst vorwerfen, mit dem Mohammed-kritischen Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Paleologos vom Ende des 14. Jahrhunderts ein Tabu verletzt zu haben. Dem hält Körtner entgegen: „Wenn schon die Verwendung unbequemer historischer Zitate im Rahmen universitärer Vorträge als Beleidigung und Gotteslästerung aufgefasst wird, sind ernsthafte Zweifel am Dialogverständnis und an der Dialogfähigkeit des Gesprächspartners angebracht.“ Ein Dialog, der diesen Namen verdient, sei der Suche nach Wahrheit verpflichtet, möge diese auch unbequem sein. Körtner: „Voraussetzung jedes Dialogs sind zwar wechselseitiger Respekt der Gesprächspartner und gleiche Spielregeln für alle, aber keine Tabus.“

Christen hätten selbstverständlich keinen Grund und kein Recht, Mohammed und den Koran herabzuwürdigen. „Wer aber von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugt ist, wird weder Mohammed für einen sakrosankten Propheten noch den Koran für eine göttliche Offenbarung halten“, so der reformierte Theologe. Und selbstverständlich hätten auch koranische Vorschriften oder die „Scharia“ – das islamische Gesetz – für Christen oder andere Nichtmuslime keine Geltung.

Trotz Ärgernis zwischenkirchlicher Dialog möglich

Körtner: „Was anderen heilig ist, muss mir selbst darum noch lange nicht heilig sein.“ Andernfalls würde die Unterwerfung des Gesprächspartners unter die Logik der jeweils anderen Religion zur Bedingung für den interreligiösen Dialog erklärt. In diesem Zusammenhang erinnert Körtner an den ökumenischen Dialog zwischen den christlichen Kirchen, in dem für die protestantischen Kirchen das große Ärgernis bestehe, dass die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen den protestantischen Kirchen das Kirchesein absprechen. Das verhindere aber nicht, so Körtner, „dass es seit Jahrzehnten einen gedeihlichen ökumenischen Dialog und ein gewachsenes Miteinander der getrennten Kirchen gibt“.

Benedikt XVI. habe inzwischen sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass die umstrittenen Passagen seiner Rede die Gefühle von Muslimen verletzt hätten und seiner Intention zuwiderlaufend interpretiert worden seien. Das ehre den Papst und könne als Akt diplomatischer Klugheit gewertet werden, so Körtner. Zugleich meldet er aber Zweifel an, ob dieser Akt einem offenen Dialog der Religionen förderlich sei, der sich auch unangenehmen Fragen und ihren Ursachen stellen müsse.

Wörtlich schreibt Körtner weiter: „Die muslimische Kultur des ständigen Beleidigtseins und der dauernden Blasphemievorwürfe verwechselt offenbar den interreligiösen Dialog mit der Fortsetzung des Jihad mit anderen Mitteln. Sie zielt in letzter Konsequenz darauf ab, den Gesprächspartner zum Dhimmi zu machen, das heißt zu einem Nichtmuslim, der sich den Gesetzen des Islam unterwirft. Einschüchterungsversuche aber sind das genaue Gegenteil eines aufgeklärten Diskurses.“

Gottesbegriff und Gewalt

Wie der Theologe betont, sei die im interreligiösen Dialog beliebte These, wonach alle Religionen unterschiedslos in ihrem Kern friedlich und tolerant seien, irreführend und verhindere gerade eine kritische Auseinandersetzung mit der allen Religionen eigentümlichen, jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägten Ambivalenz im Umgang mit der Gewalt.

Dass in Sure 2,257 steht „Kein Zwang in Glaubenssachen“, habe sich inzwischen allgemein herumgesprochen. Auch der Papst habe diesen Koranvers zitiert, allerdings nicht ohne den historisch korrekten Hinweis, dass diese Sure aus einer Zeit stamme, in der Mohammed selbst noch machtlos und bedroht war. Später seien die hinlänglich bekannten Suren über den „Jihad“ – den „heiligen Krieg“ – hinzugekommen. Und Mohammed selbst habe – erfolgreich – Gewalt angewandt, um seinen Glauben auszubreiten. Das unterscheide ihn von Jesus von Nazareth und dessen Praxis der gewaltlosen Liebe. „Und eben darum hat sich das Christentum seit der Aufklärung in ganz anderer Weise selbstkritisch mit der eigenen – wahrlich unrühmlichen – Gewaltgeschichte auseinandersetzen können als der Islam“, so Körtners Aussage.

Es sei deshalb auch völlig berechtigt, dass Benedikt XVI. die Frage aufgeworfen habe, ob die Haltung des Islam und seines Propheten zur Gewalt ihre eigentliche Ursache in einem fragwürdigen Gottesbegriff hat, der Gottes Wesen als absoluten Willen definiert, der von reiner Willkür nicht zu unterscheiden sei.

ISSN 2222-2464