Jugendgewalt: Kinder- und JugendexpertInnen warnen vor Hysterie

Diakonie-Symposium in Waiern

Waiern (epd Ö) – „Angst und Vertrauen spielen in der Debatte um Gewalt von und an Jugendlichen eine zentrale Rolle. Daher ist das Thema Jugendgewalt nicht nur eine Herausforderung für Politik, Jugendarbeit, Eltern und Schule, sondern vor allem auch für die Kirchen“, betonte Hubert Stotter, Rektor der Diakonie Kärnten, am Dienstag, 23. September, beim Symposium der Diakonie Kärnten und des Diakonie Zentrum Spattstraße in Waiern/Feldkirchen, das sich mit dem Thema Jugendgewalt beschäftigte.

Michael Chalupka, Direktor der Diakonie Österreich, forderte eine differenzierte und an den Bedürfnissen des einzelnen Jugendlichen orientierte Debatte über Jugendgewalt. „Holzschnittartige Analysen und einfache Antworten werden weder den jugendlichen Opfern noch Tätern gerecht.“ Prof. Dr. Bringfriede Scheu, Studienbereichsleiterin „Soziales“ an der Fachhochschule Kärnten in Feldkirchen, fokussierte in ihrem Vortrag den Ansatz „Gewalt als Lebensbewältigungsprozess“: „Das Phänomen Gewalt ist weder neu noch ein Phänomen der Jugend. Vielmehr erscheint oft Jugendlichen die Gewalt als ein adäquates Mittel, um für sie unangenehme oder neue Situationen in den Griff zu bekommen.“ Die Jugendlichen seien oftmals mit einer unübersichtlichen und widersprüchlich gewordenen sozialen und kulturellen Umwelt überfordert, es fehle ihnen die Eindeutigkeit in der sozialen Orientierung.

Die Expertin, selbst seit 16 Jahren in der Gewaltforschung, erkennt in der Gewalt eine Lebensstrategie, die Jugendliche aus Mangel an Alternativen, Fähigkeiten oder Kompetenzen anwenden. „Wir als professionell Handelnde haben die Verpflichtung, nicht die Augen zu verschließen!“ Sie schlägt daher vier Orientierungslinien vor: Förderung der sozialen Kompetenz, Förderung der Kompetenz zur Konfliktbearbeitung, Einübung von Mitbestimmung und Kompensationsstrategien sowie die Vermittlung von Anerkennung und Akzeptanz.

Dr. Kurt Kurnig, klinischer Psychologe und Psychotherapeut, warnte vor Alarmismus und Negativismus im Umgang mit besorgniserregenden Gewaltstatistiken in Bezug auf Jugendliche und sieht einen Grund dafür in Orientierungslosigkeit. Diese münde in verunsicherte Jugendliche, denen es an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein mangelt. Ein Ventil dafür seien seiner Ansicht nach abweichendes Verhalten und im Extremfall Kriminalität, die gleichzeitig oft Hilferuf sein kann. „Einen Ausweg aus dem Dilemma bietet die Prävention. Wir müssen sowohl die Alltagsbeziehungen in den Familien stärken als auch Schulen, z.B. LehrerInnen und andere Autoritäten. Wenn wir Kinder und Jugendliche von der hohen Gewaltbereitschaft abbringen wollen, brauchen wir Unterstützung und Förderung im Beziehungs-, Lern- und Arbeitsplatzbereich“, so Kurnig.

Die Seele als Fachbegriff

„Seele, Psyche, Geist – ewig oder sterblich, diese Frage beschäftigt den Menschen, und vieles musste diese Seele im Laufe ihrer Geschichte, die untrennbar mit jener der menschlichen Existenz verbunden ist, erleiden und erdulden und mit ihr der Träger dieser Seele – der Mensch“, sagte Prof. Dr. Werner Gerstl, Primarius für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie am Landeskrankenhaus Linz und Ärztlicher Leiter des Diakonie Zentrum Spattstraße. Wenn eine wissenschaftliche Deutung versucht würde, dann müsse die Seele eine definierbare Instanz werden. „Wir sprechen von psychischen Erkrankungen und meinen etwas völlig anderes. Gesunder Körper und gesunder Geist, diese Formel stimmt nicht! So manche Athletin mit wunderschönem Körper kann Depressionen oder Magersucht haben, und so mancher entstellte, intellektuell geschwächte Mensch kann seelische Qualitäten haben, von denen wir viel lernen könnten.“

Symposium Jugend 2020

Unter dem Titel „Jugendgewalt – Herausforderung für Politik, Jugendarbeit, Eltern und Schule“ veranstaltete die Diakonie Kärnten mit dem Diakonie Zentrum Spattstraße bereits zum dritten Mal das Symposium „Jugend 2020“. 150 Personen nahmen an der Veranstaltung im Haus Philippus teil.

ISSN 2222-2464